Fundamentaldaten rechtfertigen den Kursanstieg der großen Indizes kaum noch
Neue Euphorie, alte Gefahren

Auf Ab folgt Auf. Und dann geht’s erstmal seitwärts. Schablonenhaft glichen sich die Jahresprognosen für die Aktienkurse. Bis jetzt liegen die Strategen richtig. Seit März eilen die Notierungen nach oben. Der Deutsche Aktienindex (Dax) stieg in der Spitze um 53 % und markierte gestern ein neues Jahreshoch. Der breiter gefasste US-Index S&P 500 stieg immerhin um rund 30 %.

FRANKFURT/M. Wo bleibt aber nun die prophezeite Seitwärtsbewegung der Kurse bis zum Jahresende? Wünschenswert wäre eine längere Verschnaufpause an den Börsen allemal.

Denn viele Investoren und Banken haben aus alten Fehlern nichts gelernt. Geldhäuser vergessen eigene, erst wenige Monate alten Prognosen und blasen zum Einstieg, aufgescheuchte Anleger springen auf, obwohl die Kurse luftige Höhen erklommen haben und an Schwung verlieren. Kaum ist der Irak-Krieg vorbei, haben sich die Kurse schon wieder auf Jahreshochs gemogelt. Gemogelt, weil es nüchtern betrachtet mehr Gründe für stagnierende als für steil steigende Kurse gibt.

Sicher, im Vorfeld des Irak- Kriegs waren die Aktien zu tief gesunken. Doch das ist mehr als aufgeholt. Und was hat sich seit dem Krieg fundamental verändert oder gar verbessert? Wenig: Die Wirtschaftsdaten sind weiter durchwachsen. Beispielsweise steigt in den USA zwar die Konjunkturzuversicht, doch gleichermaßen auch die Arbeitslosenzahlen. In Deutschland erwarten die Unternehmen zwar hohe Gewinnsteigerungen, doch ist dies erstens nach den Einbrüchen in 2002 keine Kunst, und zweitens sind die Gewinne vor allem aus Kostensenkungen, nicht aus Wachstum generiert – mithin nicht nachhaltig, denn dies Spareffekte fallen nur einmal an.

Dennoch liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) von Dax und S&P bereits wieder über ihren langfristigen Durchschnitten. Die KGVs einiger Tech-Werte von 147 (Yahoo) oder 114 (Ebay) sollten dunkle Erinnerungen wecken und Anleger frösteln lassen – doch gerade diese Aktien steigen am unverdrossensten. Die Möglichkeit neuerlicher Enttäuschungen wird ausgeblendet.

Für nachhaltige Kursgewinne entscheidend bleiben aber die langfristigen Trends – und der Dax ist noch weit entfernt von seiner langfristigen Abwärtstrendlinie, die etwa bei 4 200 Punkten verläuft. Der Kursanstieg ist vorerst nicht mehr als eine überfällige Gegenbewegung in einem intakten Abwärtstrend.

Zur Vorsicht gemahnen auch die seit Wochen massiven Aktienverkäufe von US-Managern. Die Führungskräfte liegen in der Regel richtig, weil sie am besten wissen, wie das Geschäft läuft. Und Anhänger der „contrary opinion“-Theorie verweisen auf den Anteil pessimistischer US-Börsenbriefe, der mit 21 % seit Wochen extrem niedrig ist. Sollten die Kurse in den USA nach unten drehen, wird sich auch der Dax dem nicht entziehen können.

Die extrem positive Kursentwicklung in extrem kurzer Zeit muss die Frage aufwerfen, ob diese enorme Kursrally noch fundamental unterlegt ist. Carsten Klude von M.M. Warburg meint lapidar: „Es existieren kaum Anzeichen für einen Wirtschaftsaufschwung, der diesen Namen auch verdient.“ Wenig deutet dennoch derzeit darauf hin, dass der letzte Teil der Prognosen – die Seitwärtsbewegung bis zum Ende des Jahres – eintreffen wird. Dabei sollte sie es, zumindest bis sich der Staub gelegt hat und die grobe Richtung der Weltkonjunktur klar ist – denn Erfahrungen mit Kurseinbrüchen nach dramatischer Überbewertung sollten Investoren genug gesammelt haben.

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