Fusion mit Sibneft treibt die Aktie des russischen Ölkonzerns wieder nach oben
Achterbahnfahrt bei Yukos

Russlands Aktienkurse bestimmt – nein, nicht die Börse, sondern der Staatsanwalt und die Politik. Denn als russische Fahnder Anfang Juli den zweitwichtigsten Mann bei Yukos, Russlands größtem Ölkonzern, verhafteten, brach der Moskauer RTS-Index ein.

MOSKAU. Als das Antimonopol-Ministerium am Freitag die Fusion von Yukos mit dem kleineren Förderer Sibneft zum weltweit viertgrößten Erdölmulti genehmigte, schossen die Kurse wieder auf das Vor-Krisen-Niveau. Am Montag setzte sich der Höhenflug fort.

„Die Bullen haben ein kurzes Gedächtnis“, meint das Moskauer Wirtschaftsblatt „Kommersant“, nachdem Ende voriger Woche der RTS die 500er-Marke wieder übersprang. Nun werde der Börsenindex bis Jahresende auf 600 bis 620 Punkte ansteigen, sagt Alexander Baranow vom Moskauer Broker Russkije Fondy. Das klingt logisch, denn nach der Genehmigung der beiden Oligarchen-Ölkonzerne – Yukos gehört mit Michail Chodorkowskij zum Großteil dem reichsten Russen, Sibneft mit Roman Abramowitsch der Nummer zwei der Milliardärsliste – kann sich der Staat kaum noch gegen das Herausbilden eines mächtigen Ölriesen wehren.

Doch diese Rechnung wurde ohne den Staatsanwalt gemacht. Schließlich beginnt ab September der heiße Kampf namens Duma-Wahl. Chodorkowskij finanziert dabei liberale Parlamentsfraktionen. Das Ringen gegen die Oligarchen und für „Volksvermögen“ ist hingegen der Wahlkampfschlager der neu gegründeten Volks-Partei, mit der die einflussreiche Geheimdienst- Fraktion im Kreml ihre Macht zementieren will.

Da würde es kaum wundern, wenn in den nächsten Tagen neue Hausdurchsuchungen bei Yukos und Sibneft stattfänden. Entsprechende Denunzianten-Briefe von Abgeordneten in Sachen vermeintlich krimineller Yukos-Machenschaften liegen der Generalstaatsanwaltschaft bereits vor. Da vor allem die Lieblingskonzerne von Präsident Putin, die staatlich dominierten Energiefirmen Gazprom und Rosneft, von Yukos-Geschäften negativ tangiert werden, werden sich die Ermittler möglicherweise schon bald wieder durch neue Strafaktionen vermeintliche Lorbeeren verdienen wollen.

Wäre nicht das politische Risiko, durch das die Yukos-Aktien auch in Zukunft immer wieder auf Achterbahnfahrt geschickt werden könnten, sähe fundamental alles bestens aus: Das Unternehmen hat ein modernes Management, die Zahlen stimmen. Hoch fliegende, aber nicht unrealistisch gigantische Export-Expansionspläne in Richtung China und in die USA bringen die an der Börse nötigen Phantasien. Mit einer versprochenen Ausschüttung von 40 % der Gewinne in Form von Dividenden würde die Yukos-Sibneft- Aktie zudem zu einem der weltweit Anleger freundlichsten Papiere. Folgerichtig haben Analysten von UBS Warburg nach der Fusions-Genehmigung ihre Empfehlung von Halten auf Kaufen hoch geschraubt mit einem Preisziel von 61,2 $ pro Yukos-ADR-Anteilsschein.

Wie sicher sich die russischen Anleger sind, dass sich nach der Fusionsgenehmigung nun auch der Markt klar erholt, zeigt, dass sich die Umsätze inzwischen wieder verdoppelt haben. Und die meisten herein kommenden Orders seien Kaufaufträge, berichtet ein Moskauer Broker. Man müsse zwischen Yukos und den Ermittlungen gegen dessen Hauptaktionäre trennen.

Doch Kapital ist ein scheues Reh, lautet eine jener Wirtschafts-Weisheiten. Verschreckt nach dem Beginn der Yukos-Ermittlungen durch den Generalstaatsanwalt stiegen viele Anleger aus russischen Aktien aus, nach der Genehmigung der Elefanten-Hochzeit kommen sie zurück. Doch Russland ist ein großer Wald – mit vielen Wölfen in Form von Staatsanwälten und Geheimdienstlern, die immer wieder zur Gefahr für scheue Rehe werden können.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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