Fusionen und Unternehmenskäufe werden in diesem Jahr am Aktienmarkt eine wichtige Rolle spielen
Anlegern winken im Übernahmepoker Gewinne

Das Übernahmekarussell dreht sich wieder. Am Dienstag meldete die im SDax notierte Holsten-Brauerei, dass nach monatelangen Verhandlungen die dänische Carlsberg-Gruppe bei dem deutschen Traditionsbrauer einsteigen und diesen zerschlagen wird. Ebenfalls am Dienstag gab der französische Industriegaskonzern Air Liquide den Kauf von zwei Dritteln an Messer Griesheim bekannt.

HB DÜSSELDORF. Die beiden Transaktionen könnten für 2004 wegweisend sein. Glaubt man den Aktienstrategen, werden „Mergers and Acquisitions“ (M&A), also Fusionen und Übernahmen, in diesem Jahr eines der Hauptthemen am Aktienmarkt sein. Eine Reihe von Gründen spricht für diese These: Die Konzerne in Europa und den USA erzielen so hohe Cash-Flows wie schon lange nicht mehr. Gleichzeitig sind die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen nahezu ideal. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass am Kapitalmarkt genug überschüssige Liquidität vorhanden ist, um Anleihe- emissionen oder Kapitalerhöhungen erfolgreich zu platzieren.

Zudem haben die Konzerne die mageren Jahre genutzt, um ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen, sich von Nicht-Kernaktivitäten zu trennen und bei den internen Strukturen gründlich reine zu machen. Dies begünstigt Übernahmen von zwei Seiten: Einerseits haben viele Unternehmen so ihre Attraktivität für potenzielle Käufer gesteigert, andererseits haben die Großkonzerne ihre internen Wachstumspotenziale weitgehend ausgeschöpft und müssen nach Kaufobjekten schauen, um weiteres Wachstum zu erreichen.

Anleger sollten die Augen offen halten. Wo Übernahmen im Busch sind, locken meist attraktive Kursgewinne. Dabei richtet sich der Fokus des Marktes in Deutschland traditionell auf kleinere Unternehmen aus dem MDax oder SDax. In diesem Bereich hat sich in den vergangenen Jahren schon einiges getan. Und auch 2004 werden Übernahmen im Mid- und Small-Cap-Segment für einige Kursbewegungen sorgen.

Verstärkter Konsolidierungsdruck

Daneben dürfte der eine oder andere etablierte Konzern in Deutschland und europaweit auf der Wunschliste der Konkurrenz stehen. Als heißer Kandidat für Übernahmeaktionen gilt unter Strategen der Pharma-Sektor. Seit 2002 hat es in dem Bereich, der traditionell von einer hohen M&A-Aktivität geprägt ist, keine Bewegung mehr gegeben. Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass es schon bald zu einer weiteren Konsolidierung innerhalb der Branche kommen wird. Als potenzielle Opfer wurden zuletzt die Berliner Schering AG oder Sanofi-Synthélabo und Aventis aus Frankreich gehandelt.

Auch in anderen Sektoren, die sich bisher der Übernahmewelle verschlossen haben, ist in naher Zukunft mit verstärktem Konsolidierungsdruck zu rechnen. Vor allem bei europäischen Banken und Versicherern sowie in der Chemie, im Bausektor, im Maschinenbau und unter den Automobilherstellern erwarten Experten, dass der Markt als Folge des intensiven Wettbewerbsdrucks auf kurz oder lang ein neues Gesicht bekommen wird.

Allerdings ist auch eine Portion Vorsicht angebracht: Nicht jede Übernahme schafft für Aktionäre einen Mehrwert. Im Bankensektor etwa, wo Fusionsphantasien die Kurse seit Monaten in die Höhe treiben, sind weitere Kurssteigerungen kaum noch zu rechtfertigen, auch dann nicht, wenn in den kommenden Monaten tatsächlich Vollzug gemeldet würde. Und bei Aktien von Telekommunikationsunternehmen könnten Übernahmebemühungen womöglich gar negativ auf die Börsenbewertung durchschlagen. Nach jahrelangen Kostensenkungen und Schuldenabbau dürften Investoren neuen Expansionsbestrebungen sehr kritisch gegenüber stehen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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