"Geborgter Aufschwung"
An den Märkten geht wieder die Angst um

Ob wegen der kreditgeschuldeten Erholung oder den zahlreichen Naturkatastrophen: Kapitalanleger sind nervös, und das zeigt sich auch an den Märkten. Immer mehr wird auf Sachwerte gesetzt, statt auf Papiere.
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FrankfurtDie Angst geht um in der Finanzwelt – ein weiteres Mal. Vor allem an den konjunktursensiblen Märkten für Aktien und Rohstoffe schwanken die Kurse stark. Dies ist vor allem der Sorge vor einem abrupten Ende des Konjunkturaufschwungs geschuldet. Nach wie vor gilt: Die Erholung in den westlichen Industrieländern wurde durch den Faktor Kredit bewirkt. Sicher, die freie Wirtschaft hat die Chance genutzt, daraus einen sich zunächst selbst tragenden Aufschwung zu machen. Doch dessen Nachhaltigkeit ruht auf einem sehr fragilen Fundament.

Der „geborgte Aufschwung“ verdeckt zahlreiche fundamentale Schwächen der Weltwirtschaft. Gefahr geht nicht nur von den riesigen globalen Ungleichgewichten, sondern auch von unzähligen Naturkatastrophen aus. Darüber hinaus sorgen die Anspannungen im globalen Finanzsystem als Folge der riesigen Schuldenlast der Industrieländer für Nervosität. Regierungen und Notenbanken bekämpfen die durch den Faktor Kredit entstandene Finanzkrise mit dem gleichen Mittel – nur in vielfach größerer Dimension. Dies wird kommende Generationen lange beschäftigen.

Dass die Kurse an den Finanzmärkten ungeachtet dessen über viele Quartale hinweg nach oben strebten, ist weniger sich bessernden Fundamentaldaten als vielmehr der üppigen Geldversorgung zuzuschreiben. Was in diesem Kontext besonders bedenklich ist: In den westlichen Industrieländern ist ein ideologischer Wandel festzustellen. Dort, wo man einst zu Recht stolz auf die freie Marktwirtschaft war, ist man vom Weg abgekommen. Hier sind der Staat und seine Einrichtungen zum bestimmenden Wirtschaftsfaktor geworden.

In vielen westlichen Ländern schießen die Staatsquoten in die Höhe. Zugleich lassen die Bilanzen westlicher Notenbanken wenig Solidität erkennen. Die tiefen Löcher, die viele staatliche und semi-staatliche Bilanzen aufweisen, werden dadurch gestopft, dass mehr Geld kreiert wird. Zweifel an der Stabilität des Systems werden durch staatliche Garantien zu beseitigen versucht. Notenbanken sichern das Überleben von Staaten, indem sie deren Anleihen aufkaufen und sie somit praktisch Geld drucken. Mit einem freien Markt hat all dies kaum etwas zu tun.

Dieses Spiel lässt sich theoretisch lange aufrechterhalten. Doch bereits heute deutet sich ein Ende des Wahnsinns an. Noch gelten Papiergeld und Wertpapiere bei vielen Anlegern als vertrauenswürdiges Investment. Doch das Vertrauen der Investoren in die Fähigkeit von Regierungen und Notenbanken wird leiden, wenn die Rückkehr auf den Pfad der Stabilität noch weiter hinausgezögert wird. So überrascht nicht, wenn „reale Werte“ wie Rohstoffe, Liegenschaften, Farmland und Forstland bei den Anlegern voll im Trend liegen.

rettberg@handelsblatt.com


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