Hedge-Funds und Insider verlassen Aktienmarkt
Zeit zum Ausstieg

Ex-Nationalelf-Stürmer Jürgen „Klinsi“ Klinsmann wusste es. Formel-1-Rennfahrer Alain Prost wusste es: Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören. Beide beendeten ihre Karrieren in Topform – und bleiben so als Spitzensportler in Erinnerung.

HB NEW YORK. An den US-Börsen verhalten sich einige Investoren derzeit wie Klinsi und Prost: Sie steigen aus, obwohl sie wohl noch manchen satten Gewinn einfahren könnten. Anfang September setzten viele Hedge-Funds auf steigende Aktien. „Aber inzwischen haben die meisten ihre Position glattgestellt“, sagt der Volkswirt eines großen Hedge-Funds in Washington. Manager von US-Firmen trennen sich ebenfalls von Aktien ihrer eigenen Unternehmen. „Das Volumen der Insiderverkäufe ist auf ein Zwei-Jahres-Hoch gestiegen“, sagt Dhaval Joshi von Société Générale.

Ganz anders sieht das Bild bei Privatanlegern aus, die auf eigene Faust an der Börse spekulieren. Das Volumen kreditfinanzierter Käufe an der US-Technologiebörse Nasdaq explodierte im Juli förmlich. Aktienanlagen auf Pump stiegen von weniger als 8 Mill. $ über die Marke von 25 Mill. $. Das ermittelte Anlagestratege James Montier von der Allianz-Tochter Dresdner Kleinwort Wasserstein. Auch längerfristig orientierte US-Privatanleger denken gar nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Der Fondsverband ICI registriert seit dem Sommer monatliche Zuflüsse in zweistelliger Milliardenhöhe für US-Aktienfonds.

Von Aufhören kann bei den Privaten gar keine Rede sein – im Gegenteil. Offenbar übt der Kurszuwachs seit März einen unwiderstehlichen Sog aus. So entsteht ein zwiespältiges Bild für Investoren, die sich noch an der Seitenlinie warm laufen und unsicher sind, ob sie gleich aufs Spielfeld stürzen sollen. „Wem würden Sie eher trauen: den Profis und Insidern oder den Laien?“ fragt Montier. Er hat sich entschieden und rät zum Verkauf von US-Aktien.

Zugegeben, die Pessimisten liegen seit dem Frühjahr falsch. Wer verkaufte, verpasste hohe Gewinne. Das erinnert Montier an den Internetboom Anfang 2000. Damals fanden viele Anleger seine Kassandrarufe lächerlich. Doch dann kam der große Sturz.

Miniatur-Ausgabe der Spekulationsblase

Die aktuelle Marktphase wirkt wie eine Miniatur-Ausgabe der Spekulationsblase vor drei Jahren. Auch 1999 nahm der Aktienkauf auf Pump gewaltig zu. Und die Gewinner von damals feiern ihr Comeback: Technologieaktien wie Yahoo und Amazon haben sich seit dem Frühjahr mehr als verdoppelt. Betrachtet man nur die 20 besten Aktien des Jahres 1999 aus dem US-Aktienindex S&P 500, dann stiegen deren Kurse im laufenden Jahr durchschnittlich um fast 75 Prozent. Davor verblasst der Zuwachs des Gesamtmarktes von rund 15 Prozent. Dresdner-Chefstratege Albert Edwards spricht von einer „Echo-Spekulationsblase“.

Aber spricht nicht der gesunde Menschenverstand dagegen, dass Anleger sich nach dem schmerzlichen Crash zwischen den Frühjahren 2000 und 2003 schon wieder auf ein neues Roulettespiel einlassen? Nein, lautet die wissenschaftlich fundierte Antwort des US-Wirtschaftsprofessors und Nobelpreisträgers Vernon Smith. Er ließ Studenten in experimentellen Börsenspielen gegeneinander antreten. Und siehe da: Wenn die Spieler im ersten Test eine spekulative Blase erzeugt hatten, die zum Spielende platzte, passierte ihnen das Gleiche beim zweiten Anlauf oft noch einmal. Erst im dritten Durchgang wichen die Kurse kaum noch von ihren fundamentalen Werten ab.

Abseits aller Experimente liefert die Börse selbst ein Warnsignal: das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das der US-Aktienpionier Benjamin Graham als exzellenten Indikator entdeckte. Grahams KGV, berechnet anhand der Gewinne der vergangenen zehn Jahre, liegt momentan bei gefährlich hohen 30 für den breiten US-Aktienindex S&P 500. Höher stand das KGV nur Ende der 90er-Jahre und kurz vor dem Börsencrash von 1929.

Vielleicht ist es wirklich höchste Zeit, ans Aufhören zu denken.

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