Heiße Urlaubswette
Tui bleibt eines der größten Risikopapiere im Dax

Mit der Finanzwelt muss Europas größter Reisekonzern Tui auf Kriegsfuß stehen. Obwohl die Tui-Aktie im Vergleich zum Jahr 2000 bereits gut 70 % tiefer notiert und sich die geopolitische Lage nach Terroranschlägen und Irak- Krieg etwas entspannt hat, sind die Experteneinschätzungen bezüglich der weiteren Kursentwicklung immer noch skeptisch. Nach Angaben des Finanzdatenanbieters Bloomberg raten derzeit 44 % der befragten Analysten zum Verkauf der Tui-Aktie; für einen Dax-Wert ist das eine außerordentlich negative Haltung.

DÜSSELDORF. Erst in der vergangenen Woche wiederholte die Deutsche Bank ihr Verkaufs-Rating mit dem Hinweis auf strukturelle Probleme bei der Tui: Der Wettbewerbsdruck und die Konkurrenz durch Billigflieger machten dem Konzern enorm zu schaffen, hieß es. Angesichts dieser Bedenken sei die aktuelle Bewertung von gut 14 Euro zu hoch. Ihr Kursziel siedelt die Bank um fast 40 % tiefer bei 9 Euro an.

Dabei hat Tui-Chef Michael Frenzel bei einer Analystenkonferenz auf Mallorca erst vor wenigen Tagen den Aufschwung beschworen. Weil der Konzern laut Frenzel im Vergleich zu 2001 um 500 Millionen Euro schlanker aufgestellt sei, dürften sich mit steigender Reiselust auch die chronisch schwachen Tourismusrenditen verbessern, so die Hoffnung des Managements. Doch diese Hoffnung wurde schon früher geäußert – und bisher hat die Tui noch nicht bewiesen, dass die Reisesparte den früheren Preussag-Konzern auch allein ernähren kann.

Deshalb ist die Skepsis der Branchenanalysten ähnlich groß wie die Unruhe, die seit Bekanntwerden der Verkaufsabsichten des treuen Großaktionärs WestLB im Konzern herrscht. Die Befürchtungen am Standort Hannover reichen bis hin zu einer feindlichen Übernahme, sofern der 31 %-Anteil der WestLB in Investorenhände fällt, die Frenzels Kurs nicht stützen. Derartige Spekulationen hatten den Kurs der Tui-Aktie zuletzt deutlich in die Höhe getrieben – zu deutlich, wie nicht allein die Deutsche Bank meint.

Denn nur die Buchgewinne aus dem Verkauf der Energiesparte schmücken in diesem Jahr noch die Konzernbilanz der Tui. 2004 droht dem Bilanzwerk indes ein herber Dämpfer, sofern der schwächelnden Tourismussparte nicht ein schneller Gewinnsprung gelingt. Viele Analysten sind unsicher: Ihre Schätzungen für 2004 sind überaus breit gestreut und reichen von roten Zahlen bis zu einem Gewinn von 2,24 Euro pro Aktie, die das Papier auf dem aktuellen Niveau sehr günstig aussehen ließen. Doch wichtige Gewinnbringer wie die frühere Preussag Energie, die eine anhaltende Krise der Reiseindustrie weiter übertünchen könnte, fehlen fortan: Sie wurden verkauft, um die nach teuren Einkäufen quer durch Europas Reisebranche entstandene Schuldenlast der Tui abzutragen, die bis Jahresende auf vier Milliarden Euro sinken soll.

Dass der Konzern in diesen – wirtschaftlich wie geopolitisch – unsicheren Zeiten nun zu mehr als 75 % von der Lust auf Sonne, Strand und Meer abhängt, macht die Tui-Aktie zu einem der größten Risikopapiere im Dax: Mit hohen Chancen, falls es ruhiger werden sollte auf dem Globus und Frenzel seinen integrierten Reisekonzern tatsächlich auf Rendite trimmen kann. Aber auch mit weiterem Rückschlagpotenzial, sofern das hochkomplexe Geschäftsmodell mit Fluglinien, Veranstaltern und eigener Hotellerie die zusehends unberechenbaren Wünsche der Urlauber nicht erreicht.

Zuletzt büßte der Konzern merklich Umsatz ein, während Nischenanbieter im Reisemarkt – etwa Billigfluglinien oder Internet-Reiseagenturen – deutlich zweistellig zulegten: Tui muss deshalb nicht nur eisern sparen, sondern auch die neuen Wachstumsfelder besetzen. Sonst steigt in Hannover nicht nur die Nervosität – sondern auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktie.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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