In der Analystenzunft trifft die Kritik auf taube Ohren
Zweifelhafter Rat der Analysten

Prognosen über zukünftige Entwicklungen am Kapitalmarkt gehören zu den wichtigsten Aufgaben der Research-Abteilung einer jeden Bank. Die Institute verwenden viel Geld und Personal darauf, den Lauf der Aktienkurse auf Wochen oder gar Monate vorher zu sagen. Doch die Mühe scheint vergebens: Eine Studie der Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel belegt jetzt, dass sich die Banken ihr aufwendiges Research sparen können.

DÜSSELDORF. „Analystenprognosen sind als Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung aktiver Portfolio-Strategien definitiv ungeeignet“, fasst Markus Spiwoks die Ergebnisse der Studie zusammen. Acht Jahre lang hat er die Aktienindex-Prognosen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) untersucht. Das ZEW befragt monatlich 350 Finanzmarktexperten u.a. danach , ob sie für die weltweiten Leitindizes wie Dow-Jones, Nikkei und Dax auf Sicht von sechs Monaten steigende, fallende oder gleich bleibende Indexstände erwarten.

Ein Vergleich der Prognosen mit der tatsächlichen Entwicklung der Aktienindizes zeigt ein erschreckendes Ergebnis: Die Prognosen sagen nicht etwa die Zukunft voraus, sondern vielmehr die Situation an den Kapitalmärkten zum Zeitpunkt der Untersuchung – also die Gegenwart. Um die aktuelle Lage zu erkennen, reicht dem Anleger jedoch ein Blick in die Tageszeitung. Glaubt man der Studie von Spiwoks, sind die Vorhersagen der Experten gar schlechter als die so genannte „naive“ Prognose, die davon ausgeht, dass die Indexstände von heute auch die in sechs Monaten sein werden. Die teuren Studien wären mithin wertlos.

In der Analystenzunft trifft die Kritik auf taube Ohren. Einen Kommentar lehnte die Branchenvereinigung DVFA ab. Auskunftsfreudiger zeigt sich das ZEW: „Dass die Aktienkursprognosen der Analysten nicht gut sind, ist sicherlich keine Überraschung“, gibt Michael Schröder, Leiter des Forschungsbereichs Internationale Finanzmärkte, Finanzmanagement und Makroökonomie beim ZEW zu. Die Forschung habe schon lange herausgefunden, dass auch Experten nicht in der Lage seien, systematisch gute Aktienkursprognosen abzugeben. Allerdings, so Schröder, ließen sich die Prognosen mit verfeinerten Methoden sicherlich verbessern. Die Studie von Spiwoks könne daher kein abschließendes Urteil zu der Prognosefähigkeit der vom ZEW befragten Analysten sein.

Doch lassen wir die akademische Diskussion an dieser Stelle beiseite. Unter dem Strich steht wieder einmal die ernüchternde Erkenntnis, dass sich das Geschehen am Aktienmarkt nun einmal nicht voraussehen lässt. Auch wenn die Banken gerne das Gegenteil suggerieren, bleibt dem Anleger nur eine Gewissheit: Die Unsicherheit ist und bleibt an der Börse ein treuer Begleiter.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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