Kaum Kurspotenzial für Bertrandt
Anleger: Finger weg!

Die Anleger waren geschockt: Beim schwäbischen Ingenieur- Dienstleister Bertrandt ist der Gewinn in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2002/03 um fast 80 Prozent eingebrochen.

HB FRANKFURT. Der Nettogewinn zum 30. Juni liegt jetzt nur noch bei 406 000 Euro, der Umsatz ging auf 169,1 (Vorjahr: 170,5) Millionen Euro zurück. Der Aktienkurs knickte ein – seit Anfang August zeigt der Kurstrend bereits nach unten.

Dass die Branche schwächelt, ist bekannt. Doch einen derartigen Einbruch bei Bertrandt hatte kaum ein Analyst erwartet. Klingt doch das Konzept des ehemaligen Neuer- Markt-Unternehmens viel versprechend: Die Automobilhersteller würden Ingenieurdienstleistungen zunehmend outsourcen, die Zahl an Modellvarianten steige, und die Produktlebenszyklen der Autos würden kürzer, betont Bertrandt-Vorstandschef Dietmar Bichler stets. Prompt sagten Experten dem Unternehmen noch vor einigen Jahren ein Umsatzwachstum von etwa 15 Prozent per annum voraus.

Doch dann kam die Wirtschaftsflaute. Die gesamte Branche schwächelt, die Probleme bei Bertrandt sind nicht hausgemacht, urteilen Branchenexperten. Das Unternehmen leide darunter, dass die Autohersteller ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben in der Krise reduzieren. Zudem belasteten die häufigen Führungswechsel bei den Autokonzernen, denen Bertrandt zuliefert: So hat der Chief Executive Officer bei Fiat im vergangenen Jahr drei mal gewechselt. Und jeder neue Chef hat die Modellpolitik seines Vorgängers hinterfragt, aktuelle Projekte gestoppt – oder verändert – und die Zulieferer auf nicht ausgelasteten Kapazitäten sitzen gelassen. Auch Bichler begründet den Einbruch mit verschobenen Projekten.

Das Management selbst hat in der Vergangenheit oft richtig gehandelt: Als 1998 noch eine hohe Nachfrage nach Ingenieurdienstleistungen herrschte, hat das Unternehmen konsequent in die Mitarbeiter investiert, etwa auf Weiterbildung Wert gelegt. Auch zum Personalabbau hatte der Vorstand unter dem jüngsten Druck keine Alternative.

Doch noch hat das Management nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um aus der Misere herauszukommen: Kooperationen mit anderen Unternehmen wären sinnvoll, um flexibler Personal für Aufträge zur Verfügung stellen zu können – als Kooperationspartner käme etwa der deutsche Branchenprimus Edag in Frage. Auch eine Diversifizierung in andere Geschäftsbereiche, etwa in die Luftfahrt, wäre womöglich eine Alternative gewesen.

In der nächsten Zukunft wird es bei Bertrandt vermutlich nicht aufwärts gehen, auch wenn Bichler den „anhaltenden Trend zum Outsourcing von Entwicklungsleistungen“ unterstreicht. So kontert etwa Tim Schuldt von der DZ Bank, er sehe diesen Trend auch, „aber die Automobilhersteller müssen erst Land sehen, ehe sie die Kosten senken werden“. Und der harte Wettbewerb in der Autoindustrie mache einen rapiden Anstieg der Ausgaben von Ford und Co. selbst bei einer konjunkturellen Erholung unwahrscheinlich.

Abgesehen davon: Die Bewertung der Aktie ist vergleichsweise hoch. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2004 den Konsensschätzungen zufolge bei 42, das durchschnittliche KGV in der Branche europäischer Zulieferindustrie bei etwa 10. Dabei sind die durchschnittlichen Ergebniserwartungen der Konkurrenten in Europa höher. Fazit: Aktuell sollten Anleger die Finger von Bertrandt lassen.

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