Kein Stimmrecht, kein Geld
Freie Pro-7-Aktionäre profitieren nicht von Springer-Übernahme

Die Münchener Senderkette Pro Sieben Sat 1 ist in ihrer heutigen Form erst fünf Jahre alt. Doch Deutschlands größter privater TV-Anbieter hat schon eine bewegte Geschichte hinter sich. Debei ist eins geblieben, die freien Aktionäre hatten nie etwas zu sagen.

MÜNCHEN. Die Münchener Senderkette Pro Sieben Sat 1 ist in ihrer heutigen Form erst fünf Jahre alt. Doch Deutschlands größter privater TV-Anbieter hat schon eine bewegte Geschichte hinter sich: die Fusion der beiden Sender Pro Sieben und Sat 1, die Pleite von Mehrheitseigentümer Kirch vor drei Jahren und das darauf folgende monatelange Geschacher um die Vorherrschaft. In der vergangenen Woche folgte nun der Verkauf an den Axel Springer Verlag.

Nur eins ist über die Jahre gleich geblieben: Die freien Aktionäre hatten nie etwas zu sagen. An Außenstehende wurden immer nur die stimmrechtlosen Vorzugsaktien abgegeben, oder, wie ein frustrierter Anleger auf der Hauptversammlung im Mai meinte, „kastrierte Aktien“.

Die wertvollen Stammaktien dagegen blieben in der Hand der Großaktionäre. So interessiert sich Springer jetzt auch nicht im geringsten für die Vorzugsaktien. Vom Gesetzgeber gezwungen, müssen die Berliner den Eigentümern der Papiere zwar ein Übernahmeangebot machen. Das wird jedoch kaum über dem vorgeschriebenen Minimum von 14,10 Euro je Aktie liegen. Den Verkäufern der Stammaktien, amerikanischen Finanzinvestoren um den Milliardär Haim Saban, überweist Springer demgegenüber satte 23,40 Euro je Aktie. Kein Wunder, dass Analysten und Aktionärsschützer den Privatanlegern raten, zunächst einmal nicht auf das Barangebot für ihre Vorzüge einzugehen.

Denn wer seine Anteile jetzt nicht verkauft, der kann immer noch darauf hoffen, im kommenden Frühjahr etwas mehr zu bekommen. Dann wird Pro Sieben Sat 1 voraussichtlich mit Springer verschmolzen, und die Aktien werden getauscht. Über ein Gutachten wird dabei festgestellt, zu welchen Bedingungen das geschehen soll. Und genau diese Bedingungen lassen sich vor Gericht überprüfen – mit der Chance, vielleicht noch etwas mehr herauszuholen.

Dass die Besitzer der Vorzugsaktien die Verlierer sind, hat Tradition bei Pro Sieben Sat 1. Denn die freien Aktionäre waren stets den Launen der Inhaber der Stammaktien ausgesetzt. Erst war es Leo Kirch, zuletzt Haim Saban und seine Partner. Meist bekamen die Anteilseigner von ihnen nur die halbe Wahrheit zu hören. Leo Kirch sah in Pro Sieben Sat 1 lediglich ein kleines Puzzlestück in der langen Verwertungskette seines weit verzweigten Medienimperiums. Folglich verfolgte er seine eigenen Ziele, ohne dass die Aktionäre irgendein Recht auf Mitsprache gehabt hätten. Saban saß schon längst mit Springer am Verhandlungstisch, da gab er sich in der Öffentlichkeit immer noch als Investor, der über die nächsten zehn Jahre die Mehrheit halten wolle.

Gut, dass die Medienmagnaten ihre Geschichten künftig nicht mehr den Aktionären auftischen werden, sondern die Märchen wieder dort laufen, wo sie hingehören: ins Programm von Pro Sieben und Sat 1.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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