Konkurrent Novartis hat derzeit das Nachsehen
Roche im Vorteil

Das Spiel ist so alt wie die Stadt und die Konkurrenten, die sie beherbergt: In Basel gibt es mit Roche und Novartis zwei Pharmariesen, die ins Portfolio jedes Investors gehören. Die Aktien sind eine sichere Bank. Sie zählen zu den Blue Chips an der Börse in Zürich, und außer Schokolade und Vermögensverwaltung gibt es wenig, worauf sich die Eidgenossen so gut verstehen, wie aufs Pillendrehen.

HB BASEL. Roche hat das erst jüngst wieder eindrucksvoll bewiesen, als der Konzern einen nach Abzug von Sonderfaktoren um vier Prozent gestiegenen Gewinn von 3,24 Mrd. Schweizer Franken (zwei Mrd. Euro) mitteilte. Konzernchef Franz Humer hat darauf die Prognose für das Gesamtjahr erhöht. An der Börse schnellten die Roche-Genussscheine auf den höchsten Stand seit Ende 2000. Unterm Strich haben sie in diesem Jahr bisher gut ein Viertel ihres Wertes gewonnen und sich um 14 Prozent besser entwickelt als der Dow Jones Stoxx Healthcare. Lohnt es jetzt noch, in einen solchen Boom-Kandidaten zu investieren oder ist es Zeit, sich wieder auf den Konkurrenten Novartis zu besinnen? Denn wie in einem System kommunizierender Röhren legen selten beide Konzerne gleichermaßen zu. Derzeit ist Roche klar der Spitzenkandidat und wird von Finanzanalysten wie etwa Denise Anderson vom Finanzinvestor Kepler Equities geradezu umschwärmt: Roche sei „die aufregendste Story im Pharmasektor“.

Die Geschichte, die Roche zu erzählen hat, klingt in der Tat gut. Der Konzern profitiert inzwischen stark von seiner Mehrheitsbeteiligung an der amerikanischen Biotechnologie-Firma Genentech. Der Kauf, der lange als viel zu teuer eingestuft worden war, rentiert sich: Drei der zehn umsatzstärksten Roche-Medikamente stammen aus der Molekül-Küche von Genentech. Das Krebsmedikament Avastin ist so ein Beispiel: Als im März erste Testresultate bekannt wurden, wonach Avastin auch gegen Lungenkrebs wirkt, begann die Roche-Aktie zu ihrem Höhenflug abzuheben. Einen Monat später folgte die wiederum kurstreibende Meldung, dass die Arznei auch gegen Brustkrebs hilft. Konzernchef Humer hat die Zusammenarbeit mit den Biotechnikern von Genentech und Chugai in Asien zur Strategie erhoben. Die Pharmasparte des Konzerns habe zwei Entwicklungspipelines: Eine konventionelle und eine, die auf biotechnischer Forschung beruhe. Das Endprodukt seien jeweils Medikamente, die den Patienten helfen sollen. „Die Biotechnologie ist keine separate Industrie“, glaubt Humer und zeichnet damit ein zukunftsträchtiges Bild von einem Pharmakonzern, das andere so noch nicht verinnerlicht haben.

Beim Konkurrenten Novartis gibt es dagegen derzeit ein Problem, das nicht ganz neu und darum umso ärgerlicher ist. Die Generika-Sparte des Konzerns produziert lange nicht die Margen, die Novartis-Chef Daniel Vasella erwartet. Mit Hexal und Eonlabs hat er deswegen Firmen dazugekauft und sich davon die Vorteile erhofft, die es mit sich bringt, wenn man Marktführer in einem Bereich ist. Jetzt hat ihm allerdings die israelische Teva einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Die kurzfristig von Novartis deklassierte Nummer eins im Generikamarkt ging ebenfalls auf Einkaufstour und hat nun den Schweizer Konkurrenten wieder überholt. Dass sich die zähe Restrukturierung der Novartis-Generikasparte nicht stärker im Aktienkurs niederschlägt, liegt nur daran, dass der Bereich bei Novartis nur ein Zehntel zum Umsatz beisteuert. Die übrigen Ergebnisse sind gut: In Europa ist Novartis mit zwölf Prozent doppelt so schnell gewachsen wie die Branche.

Ansonsten bilden die Kurse getreu die Potenziale der Unternehmen ab. Die Roche-Aktien sind allerdings nach ihrer stürmischen Entwicklung inzwischen jenseits aller Kursziele, die Analysten vorausgesagt haben. So hat Independent Research zwar ihr Kursziel nach den jüngsten Roche-Ergebnissen von 140 auf 165 Franken erhöht. Doch die Aktie ist auch dieser angepassten Vorhersage davongelaufen. Damit verspricht sie mehr, als auch die besten Zahlen hergeben, glauben die Analysten und raten deswegen zum „Reduzieren“.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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