Krank, aber lebendig
Der Markt glaubt nicht an ein Ende der Währungsunion

Es ist erst gut einen Monat her, dass große internationale Finanzhäuser wie Morgan Stanley und HSBC in Studien mit Titeln wie „European Meltdown“ alarmistisch die Frage stellten, ob die Währungsunion noch zu retten ist – gerade so, als würden die ersten Mitglieder der Union bereits Druckaufträge für nationales Geld vergeben.

Die Europäische Zentralbank musste sich fast täglich mit der eindringlich vorgetragenen Frage auseinander setzen, ob die beständigen Unterschiede in den Inflations- und Wachstumsraten der Mitgliedsländer einen Systemfehler offenbarten.

Neben diesen Differenzen sorgte vor allem die Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden Ende Mai dafür, dass die Diskussion um die Zukunft der Währungsunion aufflammte. Ein dritter Grund war die weitgehende Außerkraftsetzung des Stabilitäts- und Wachstumspakts und der Bruch der darin verankerten Dreiprozentgrenze für das Staatsdefizit durch eine Vielzahl von Ländern.

Mit ein paar Wochen Abstand hat sich zwar an diesen drei Gründen kaum etwas zum Positiven verändert. Die Diskussion ist jedoch sang und klanglos im Sommerloch verschwunden. Ob sie im Herbst wiederkehrt, ist zweifelhaft. An den Rentenmärkten – sie sind der Gradmesser für Sorgen um ein Auseinanderbrechen der Währungsunion, da sich ein solches am stärksten in den Rentenrenditen der einzelnen Länder niederschlagen würde – scheint jedenfalls kaum jemand damit zu rechnen.

Der neue kranke Mann Europas, Italien, auf den sich die meisten Ausstiegsphantasien konzentrierten, muss heute 20 hundertstel Prozentpunkte (Basispunkte) mehr für zehnjährige Anleihen bieten als Deutschland. Bei einem Budgetdefizit, das auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zuläuft, und einer Schuldenquote, die 110 Prozent ansteuert, kein hoher Aufschlag. Noch sind es immerhin drei Hundertstel weniger als in den Wochen unmittelbar vor und nach dem Referendum in Frankreich, als der Renditeaufschlag (Spread) bis auf knapp 23 Basispunkte gestiegen war. Wer auf den Rat warnender Stimmen hörte und mit einem hinreichend langen Hebel auf eine Spreadausweitung spekuliert hatte, der konnte also durchaus profitieren – vorausgesetzt, er tat es zur richtigen Zeit und nahm rechtzeitig Gewinne mit.

Nun ist vielleicht Italien gar nicht der erste Kandidat für einen Rauswurf aus der Währungsunion. Griechenland hat ebenfalls eine Schuldenquote von über 100 Prozent und, ebenso wie Portugal, eine Defizitquote, die doppelt so hoch ist, wie es die Grenze von Maastricht vorsieht. Eine hartnäckig überdurchschnittliche Inflationsrate kommt noch obendrauf. Aber auch von Griechenland verlangt der Markt nur 22 Basispunkte Aufschlag gegenüber Bundesanleihen, um dem Staat seine zehnjährigen Anleihen abzunehmen, für portugiesische Staatstitel sind es gerade einmal 13 Basispunkte.

Das Verdikt des Marktes ist eindeutig und vernünftig. Die Szenarien um ein Auseinanderbrechen der Währungsunion sind unrealistisch. Konjunkturelle Divergenzen gab es immer und wird es immer geben. Daran wird die Währungsunion nicht zerbrechen. Und was die Schuldenpolitik angeht, so fällt es schwer, in der Praxis Indizien für die theoretische Möglichkeit zu finden, dass eine übermäßige Neuverschuldung einzelner Staaten die Zinsen für alle nach oben treibt. Die Schwierigkeit liegt eher darin, zu erklären, warum die Zinsen so historisch niedrig sind. Der Anleger darf also getrost den Fortbestand der Währungsunion für die nächsten 30 Jahre als gegeben nehmen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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