Kritische Werte
Bilanzumstellung eignet sich zum Aktiencheck

Die Aufregung beim Energieversorger EnBW war groß: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unternehmenschef Utz Claassen wegen angeblicher Bilanzfälschung.

Die Aufregung beim Energieversorger EnBW war groß: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unternehmenschef Utz Claassen wegen angeblicher Bilanzfälschung. Der 20-Prozent-Anteil an den Stadtwerken Düsseldorf war nach einer Neubewertung plötzlich 200 Millionen Euro weniger wert. Claassen wehrte sich: Die Bilanzmethoden seines Vorgängers seien für die Änderung verantwortlich. Zurück bleiben verwirrte Aktionäre. Denn zusammen mit Neubewertungen bei anderen Töchtern summierten sich die außerplanmäßigen Abschreibungen auf einen Milliardenbetrag. Bei dem baden-württembergischen Stromkonzern war ein besonderes Ereignis, nämlich der Chefwechsel, der Anlass für die überraschenden Änderungen in der Bilanz. Und doch gibt der Fall schon einen Vorgeschmack auf die kommende Bilanzsaison: Denn dann werden reihenweise börsennotierte Unternehmen in ihren Bilanzen umfangreiche Neubewertungen vornehmen müssen – und damit bei vielen Anlegern für Irritationen sorgen.

So müssen die meisten Aktiengesellschaften spätestens zum Geschäftsjahr 2005 ihre Konzernbilanz auf den internationalen Rechnungslegungsstandard IFRS umstellen. Einzige Ausnahme: Sie bilanzieren bereits, wie etwa Daimler-Chrysler, nach den amerikanischen Bilanzregeln US-GAAP. Für diese Firmen gibt es eine Schonfrist bis 2007.

Die Umstellung wird enorme Auswirkungen auf die veröffentlichten Kennzahlen haben. So dürfen Konzerne beispielsweise ihre Beteiligungen nicht mehr planmäßig abschreiben, sondern müssen ihren Wert jährlich neu ermitteln. In der Phase des Übergangs sind die Unternehmen dadurch schwer miteinander vergleichbar: Einige haben schon jetzt damit angefangen, ihre Bilanz zu bereinigen – wie etwa der Tourismusriese Tui, der fast 400 Millionen Euro auf sein zu teuer eingekauftes Großbritannien-Geschäft abgeschrieben hat; andere beginnen damit erst in diesem Geschäftsjahr. Zudem gibt es bei der Bewertung erhebliche Ermessensspielräume.

Besonders genau hinsehen müssen Aktionäre auch bei den Pensionsrückstellungen. Da bei diesem Bilanzposten demnächst Zukunftswerte wie beispielsweise Lohnsteigerungen oder Rententrends berücksichtigt werden müssen, werden die Pensionsrückstellungen durch die Umstellung in der Regel steigen – und das Ergebnis wird entsprechend geschmälert.

Doch hier gibt es eine Hintertür für die Unternehmen: Bei der Erstumstellung haben die Firmen die Möglichkeit, die erhöhten Pensionsrückstellungen über das Eigenkapital zu buchen. Die Folge: Das Eigenkapital sinkt und das Ergebnis bleibt optisch hoch. Die Ertragskraft erschließt sich dann erst beim Blick ins Kleingedruckte der Bilanzerläuterungen.

So sollten die Anleger die Unternehmen, in die sie investiert haben kritisch auf dem Weg zu IFRS begleiten und die Umstellung zum Test machen: Nimmt das Unternehmen seine Anteilseigner ernst und informiert transparent und offensiv über die Umstellungen? Oder versucht es, durch geschickte Bilanzkosmetik seine eigenen Zahlen in bestmöglichem Licht erscheinen zu lassen? Das Ergebnis dieses Tests kann eine gute Grundlage für die künftige Anlageentscheidung sein.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum
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