Kurskorrektur
Die Nervosität ist berechtigt

FRANKFURT. Eines muss man den internationalen Aktienstrategen und Analysten ja lassen: Trotz der plötzlichen Kurskorrektur der vergangenen Tage sind sie standhaft optimistisch geblieben. Der Rückschlag stimmt die Mehrheit der professionellen Marktbeobachter sogar noch zuversichtlicher. Es sei Zeit für diese „gesunde Korrektur“ gewesen. Jetzt, da diese überstanden sei, böten sich an den Börsen aber wieder gute Einstiegschancen.

Bei den Anlegern fallen diese Worte auf fruchtbaren Boden. Gerade Investoren, die in den vergangenen Monaten in Erwartung eines Rückschlages keine Aktien gekauft haben, sehen sich jetzt bestätigt und greifen zu. Das hilft den Kursen wieder auf die Sprünge. Der Deutsche Aktienindex (Dax) lag mit rund 6 670 Punkten gestern bereits fast 250 Punkte höher als auf dem Tiefpunkt der Abwärtsbewegung am Montagmittag. Von dem Hoch von knapp über 7 000 Punkten, von dem aus die Korrektur startete, trennen den deutschen Leitindex nur noch rund fünf Prozent. Verglichen mit mehr als 30 Prozent Kurszuwachs seit Mitte vergangenen Jahres ist das so gut wie nichts.

Beunruhigend sind die Turbulenzen der vergangenen Tage gleichwohl, da die einzelnen Tagesbewegungen heftiger ausfielen, als viele Experten erwartet hatten. Der Kursabschlag von 3,3 Prozent im Dow Jones am Dienstag vergangener Woche war das höchste Minus des US-Index an einem Tag seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. An der Technologiebörse Nasdaq fielen die Kurse sogar noch stärker.

Die heftigen Ausschläge zeigen, dass viele Investoren zittrige Finger haben. Nach vier Jahren Hausse sinkt das Vertrauen in eine Fortsetzung der Rally. Im Umkehrschluss steigt die Bereitschaft, die aufgelaufenen Gewinne mitzunehmen. Zudem beginnt das „Heile-Welt“-Szenario, das an den Börsen lange Zeit vorherrschte, zu bröckeln. Dabei gab der Einbruch in China nur den Anstoß für die Kurskorrektur. Das tatsächliche Sorgenkind der Anleger sind die Vereinigten Staaten, sowohl wegen der unklaren Konjunktur- und Zinsperspektiven als auch wegen der Verwerfungen am amerikanischen Hypothekenmarkt.

Der wachsenden Risikoscheu der Anleger haben die Optimisten am Markt zurzeit nicht allzu viel entgegenzusetzen. Ihr Standardargument der nach wie vor günstigen Bewertungen zieht in dem Augenblick nicht mehr, in dem sich die Anleger zunehmend Sorgen um die Gewinndynamik der Unternehmen machen. Und andere Treiber für Kursphantasie sind aktuell Mangelware.

Vor diesem Hintergrund scheint die Zuversicht vieler Analysten verfrüht. Um den Anlegern neues Vertrauen zu geben und den Weg für weitere Aufwärtsschübe zu schaffen, dürfte der Mini-Kursrutsch von fünf Prozent nicht ausreichen. Im vergangenen Jahr brauchte der Dax eine mehrwöchige Korrektur von 13 Prozent, um neuen Schwung zu holen. Ein ähnliches Szenario ist auch jetzt absolut realistisch.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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