Londoner Stromausfall bringt National Grid harsche Kritik
Der englische Patient

Seit der Strom in der Londoner City wieder ohne Störungen durch die Leitungen läuft, streiten sich selbst ernannte „Experten“ über die Ursache für den mysteriösen Ausfall vom Donnerstag abend.

HB LONDON. Als wichtiges Argument tauchen immer wieder angeblich jahrelange Unterinvestitionen seit der Privatisierung der Elektrizitätsindustrie 1990 auf.

Ins Kreuzfeuer der Kritik gerät dabei naturgemäß National Grid, Besitzer und Betreiber des Hochspannungsnetzes in England und Wales und vollständige Tochter des börsennotierten Versorgers National Grid Transco (NGT). Der Konzern hat 27 000 Mitarbeiter, erzielte 2002 insgesamt 9,4 Mrd. £ (gut 13,6 Mrd. ¤) Umsatz und einen Betriebsgewinn von 2,2 Mrd. £. Im Aktienkurs spiegelt sich diese Kritik längst wider, wenn auch längst nicht so stark, wie man erwarten könnte. Das NGT-Papier sank um fast 4 % in den vergangenen Tagen.

Zwar treffen Kritiker, die sich in Großbritannien über zu geringe Investitionen aufregen, oft genug einen wunden Punkt. So gelten über Jahre ausbleibende Milliardenspritzen als wesentliche Ursachen für oft bemängelte Fehlentwicklungen im Königreich: das marode Transportsystem etwa oder das zunehmend sieche Gesundheitswesen.

Ausgerechnet bei der Stromversorgung hakt das Argument. Denn National Grid betont stets, dass es deutlich mehr investiert als zu den Zeiten, in denen es sich noch in Staatsbesitz befand. Konkret fließen jährlich rund 300 Mill. £ in das Stromnetz – seit 1990 waren das nach eigenen Angaben mehr als 3,5 Mrd. £. Vor der Privatisierung gab man „nur“ 80 Mill. £ im Jahr für verbesserte Leitungen und Services aus. Zudem ist die Firma bei Investitionen auch an Vorgaben des Regulierers Ofgem gebunden, der das Niveau bis zum Jahr 2006 festgelegt hat – und der trotz des kräftigen politischen Drucks nicht von Mehr-Investitionen spricht.

Zudem müssen sich die stärksten Kritiker – deren prominentester Vertreter ist Londons Bürgermeister Ken Livingstone, der mit hochrotem Kopf nach seinem mehrstündigen Heimweg am Donnerstag der Schlamperei zürnte – Konsequenzen der höheren Ausgaben bewusst sein: Über kurz oder lang dürften sich so auch die Energie-Preise mehr oder minder deutlich erhöhen. Schon jetzt ist der seit zwei Jahren dauernde Abwärtstrend der Preise längst durchbrochen.

Noch stellen sich immerhin Analysten und Marktexperten dem populistischen Getöse entgegen und sagen, dass die Ausgaben durchaus hoch genug sind. Merrill-Lynch- Analyst Olek Keenan etwa meint, dass „niemand wirklich glaubt, dass National Grid zu wenig investiert“.

Für das Unternehmen aber, das im April 2002 aus der Fusion von National Grid und dem Gaslieferanten Lattice entstand, stellt der Londoner Ausfall die zweite schlechte Nachricht in wenigen Tagen dar. Schon die amerikanische Tochter Niagra Mohawk, einer der zehn größten Versorger des Landes, war von dem Stromausfall im Nordosten der USA empfindlich betroffen. Die Angst vor prozessfreudigen Amerikanern hat die NGT-Aktie längst von ihrem Jahreshoch von 480 p entfernt – gestern lag sie nur bei gut 390 p. Nun warten die Analysten auf positive Halbjahreszahlen im Herbst und die bereits angedeutete Erhöhung der Dividende.

Immerhin muss sich die Gesellschaft um das Rating für ausstehenden Anleihen keine Sorgen machen. Die Agentur Standard & Poor’s kündigte bereits an, dank der „starken Betriebsleistung“ das Rating der Bonds unverändert zu lassen. Da sich die Spreads zuletzt deutlich erhöht haben, sieht Merrill Lynch die Rentenpapiere als „billig“ an.

Noch klebt an Aktien wie Anleihen nach wie vor der Makel einer deutlichen Strafe durch den Regulierer. Bevor nicht die Ursache für den Ausfall genau geklärt ist – und vor allem garantiert wird, dass sich der Vorfall nicht wiederholt – dürfte das Interesse der Investoren an National Grid Transco eher gering ausgeprägt bleiben.

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