Lula nutz Konzern für Industriepolitik
Schädliche Politik

Der Einfluss der Regierung auf den brasilianischen Ölkonzern Petrobras nimmt zu.

Zu den besten Sendezeiten wirbt der brasilianische Ölkonzern Petrobrás massiv für sich selbst im Fernsehen. Die Kampagne ist stark nationalistisch gefärbt. Das Motto, ganz im Stil der 50-er Jahre: Wir Brasilianer können stolz sein auf ein so prächtiges Unternehmen. Das lässt nichts Gutes erwarten. Die Regierung Lula dürfte den Konzern künftig noch mehr als ohnehin schon für Geld-, Industrie- und Konjunkturpolitik einsetzen. Für die Investoren ist das bedenklich: Petrobrás ist der einzige börsennotierte lateinamerikanische Ölkonzern und gleichzeitig Lateinamerikas größtes Unternehmen nach Marktwert. An der brasilianischen Börse ist Petrobrás (PBR) der zweitwichtigste Standardwert, der auch an der Wall Street als ADR gehandelt wird.

Der zunehmende Einfluss der Regierung auf den Konzern, an dem der brasilianische Staat einen Aktienanteil von 40 Prozent hält, findet auf mehreren Ebenen statt: So hat die Regierung des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva eine Anpassung der Benzin- und Dieselpreise über ein Jahr verzögert, um die Inflation niedrig zu halten und der lahmenden Konjunktur einen Schub zu verpassen. Gleichzeitig nutzt die Regierung den Konzern zunehmend für ihre Industriepolitik: So sollen die für die Ölförderung wichtigen Ölplattformen künftig in Brasilien hergestellt und nicht mehr importiert werden. Damit soll der maroden Schiffsbauindustrie neues Leben eingehaucht werden. Die Folge: Weil die nationale Industrie sich das Know-how erst umständlich und zeitraubend über Joint-Ventures mit ausländischen Konzernen besorgen muss, hinkt die Ölförderung inzwischen den Plänen hinter her. Trotz historisch hoher Ölpreise im ersten Quartal sind die die Umsätze um zwei Prozent und die Nettogewinne um 28 Prozent gesunken.

Die meisten Analysten ignorieren die politisch motivierte Einflussnahme. 19 von 23 Analysten empfehlen nach Angaben des Finanzdienstleisters Bloomberg die PBR-Aktie zum Kauf. Das liegt vor allem an dem Preis der Aktie im Verhältnis zum erwarteten Gewinn: Mit einem KGV von rund sechs gilt das Papier als billig. Investoren müssen im Durchschnitt zwölf Jahre warten, bis Öltitel den Einkaufspreis durch Gewinne wieder ausgeglichen haben. Die starken Kursverluste der brasilianischen Börse seit Mitte April, die auch den Kurs von Petrobrás nach unten gezogen haben, machen die Aktie noch attraktiver.

Kurzfristig lassen sich mit der Aktie sicher Gewinne realisieren. Doch langfristig ist Vorsicht geboten. Grund dafür ist die Politik: Die Regierung Lula kommt zunehmend unter Druck, die Konjunktur zu beleben, Arbeitsplätze zu schaffen und – um ihre politischen Basis im Parlament zu stärken – Posten für politische Freunde zu schaffen. Wenige Konzerne bieten sich dafür besser an als der integrierte Energiekonzern Petrobrás mit 39 000 Beschäftigten und Produktionsstätten, die übers ganze Land verteilt sind. Es besteht die Gefahr, dass der Konzern auf Anweisung aus Brasília immer weniger investieren und sein Kapital für Sozialprojekte nutzen wird.

Entsprechend enttäuschend fiel jetzt auch der Investitionsplan bis zum Jahr 2010 aus: Die Ölförderung wird langsamer gesteigert als bisher geplant. Das erwartete Engagement des Konzerns in der Petrochemie soll nur stark reduziert stattfinden und der Bau der angekündigten Raffinerie ist weiter in die Zukunft geschoben. Doch die geringeren Investitionen lassen sich nicht nur mit der geänderten Politik in Brasília erklären. Denn der Regierung sind die Hände gebunden: Brasilien muss einen hohen Überschuss in der Bilanz vorweisen. Dazu hat sich der Staat gegenüber dem Internationalen Währungsfonds verpflichtet. Und Investitionen des Staatskonzerns Petrobrás gelten bilanztechnisch als Ausgaben.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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