Mega-Caps vor Comeback?
Rouletteregeln für die Großen

Zocker wissen: Wenn beim Roulette sieben Mal hintereinander schwarz fällt, heißt dies für die nächste Kugel überhaupt nichts. An der Börse hingegen glauben viele Investoren, dass nach sieben Jahren schwarz endlich einmal rot fallen müsste. Deshalb gelten derzeit unter Strategen so genannte Mega-Caps, also Aktien mit einem Börsenwert von mehr als 50 Milliarden Euro, als heiße Kandidaten für ein Comeback.

DÜSSELDORF. Die Argumente klingen stringent: Seit dem Jahr 2000 schneiden große Aktien beständig schlechter ab als der Gesamtmarkt. Die Analysten der Société Générale haben errechnet, dass die 50 größten paneuropäischen Aktien seit Anfang 2003 um 3,2 Prozentpunkte pro Jahr schlechter, kleine Aktien hingegen um 11,6 Prozentpunkte besser als der Gesamtmarkt abschnitten. Nach Berechnungen der Citigroup werden die 50 größten Aktien Europas nur noch mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von im Schnitt zwölf gehandelt und damit halb so hoch wie im Jahr 2000.

Mit einer Rotation in die großen Titel hinein sollten es Investoren aber nicht überstürzen, denn die schwache Kursentwicklung hat handfeste Gründe. Erstens sind Mega-Caps auf Grund ihrer schieren Größe unverdauliche Happen für Private-Equity-Firmen. Sie bergen damit weniger Übernahmephantasie. Zweitens sind die Gründe dafür, dass Größe an der Börse nicht besser, sondern schlechter ist, zwar umstritten, nicht aber die Existenz des Phänomens: In den vergangenen Jahrzehnten lieferten kleine Unternehmen stets höhere Renditen. Drittens hat die schwache Entwicklung der Mega-Caps in den letzten Jahren nur die Übertreibung der 90er-Jahre abgebaut.

Die mageren Renditen der Mega-Caps könnten aber auch Indizien für eine mögliche Trendwende sein, die Investoren im Auge halten sollten: Immer mehr Experten rütteln an der Zweckmäßigkeit von kapitalgewichteten Indizes. Ihre These: Aktienindizes wie der Dax, Euro Stoxx und S&P 500, in denen die Gewichtung der enthaltenen Werte vom Börsenwert abhängt, gewichteten bereits stark gelaufene Aktien hoch und schlecht gelaufene Aktien niedrig. Über passive Indexinvestments, deren Volumen im vergangenen Jahr 500 Milliarden Dollar überschritten hat, fließt so in Titel mit hohem Börsenwert und Indexgewicht anteilig mehr Geld. Wer etwa heute 10 000 Euro passiv in den Dax investiert, kauft für 1000 Euro Aktien der bereits stark gelaufenen Eon-Aktie, aber nur für 50 Euro Tui-Aktien. Die Kritiker offerieren Alternativen: Investierbare Indizes, in denen die Gewichtung der Aktien nicht vom Börsenwert, sondern von Faktoren wie Unternehmensgewinnen und Dividenden abhängt. In den USA fluten bereits Dutzende dieser Indizes den Markt, in Europa sind sie noch Nischenprodukte. Setzen sie sich durch, stehen den Mega-Caps harte Zeiten bevor. Anleger sollten also zweimal überlegen, ob sie umschichten, nur weil jedes Jahr aufs Neue das Revival der Börsenriesen ausgerufen wird.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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