Minenkonzerne reizen zum Einstieg
Traumresultate

Altgediente Strategen mögen die Traumresultate im Rohstoffsektor nicht mehr verblüffen. Der gewöhnliche Anleger sollte indes einen Moment verharren und die phänomenalen Zuwachsraten der drei großen Minenkonzerne mit einem Schuss Ehrfurcht betrachten.

KAPSTADT. So haben der Bergbauriese Rio Tinto und Anglo American ihre Gewinne um die Hälfte oder mehr gesteigert. Und für Branchenführer BHP Billiton aus Australien, der sein Jahresergebnis am 18. August vorlegt, erwarten Experten eine Bestmarke. Sie prophezeien einen Profitschub um mehr als 70 Prozent.

Es ist vor allem Chinas schier unersättlicher Hunger nach Industriemetallen, der den Minenkonzernen den Boom beschert. Allein die Nachfrage nach Eisenerz, das zur Herstellung von Stahl benötigt wird, ist in diesem Jahr in China um 14 Prozent auf über 84 Mill. Tonnen geschnellt. Ähnlich hoch ist sein Bedarf nach Kupfer, Nickel und Kohle. BHP Billiton will deshalb den Ausbau seiner Eisenerzgruben in Westaustralien bis zum Jahresende vorantreiben. Bereits jetzt hat das Unternehmen seine Förderung von Manganerzen, die man ebenfalls zur Stahlherstellung benötigt, um 21 Prozent auf den neuen Rekord von fünf Mill. Tonnen geschraubt.

Beim Lokalrivalen Rio Tinto sorgte vor allem der Gewinnsprung bei Kupfer für das glänzende Resultat. Beträchtlich über den Erwartungen lag auch die Produktion der Diamantenmine Argyle. Während Rio Tinto derzeit rund 23 Prozent des Umsatzes durch Eisenerz erwirtschaftet, produziert Anglo American vornehmlich die Edelmetalle Platin und Gold und hält einen Anteil von 45 Prozent am Diamantenriesen De Beers, der weltweit jeden zweiten Rohdiamanten handelt.

Dass der Reingewinn der Südafrikaner in diesem Jahr auf ein neues Rekordergebnis schnellte, hat das Minenhaus aber wie seine beiden Konkurrenten den Grundmetallen zu verdanken. Insgesamt stiegen die Gewinne der lange vernachlässigten Sparte um phänomenale 660 Prozent.

Wie seine beiden Kollegen bei BHP und Rio Tinto ist Anglo-Chef Tony Trahar überzeugt, dass die Aussichten für Minenkonzerne so gut wie seit langem nicht mehr sind. Sein Zutrauen gründet vor allem darauf, dass der Aufschwung am Rohstoffmarkt inzwischen neben China und den USA zunehmend Indien und Russland tragen. Sorgen bereitet allein Europa. Vieles deutet deshalb darauf hin, dass die Kursverluste der Minenkonzerne im ersten Halbjahr nur ein Zwischentief einer längeren Hausse waren.

Dreh- und Angelpunkt der weiteren Entwicklung bleibt der Rohstoffhunger des chinesischen Drachens. BHP und Rio Tinto liefern heute etwa ein Zehntel ihrer Rohstoffe in das Reich der Mitte. Dennoch kann sie der Versuch der chinesischen Führung, die hohe Nachfrage zu bremsen, kaum schrecken. Insbesondere für Eisenerz aber auch für Kohle werden in den nächsten beiden Jahren gemeinhin rosige Zeiten prophezeit, schon weil die chinesischen Kohleminen immer tiefer und damit im Zuge der Erschließung auch immer teurer werden. Daraus dürfte vor allem Anglo American Kapital schlagen, dass die Kohle sowohl am Kap als auch in Kolumbien praktisch von der Oberfläche kratzt. Auch gibt es auf der Angebotsseite bei Rohstoffen weiter Lücken. Sie dürften trotz höherer Investitionen in neue Minenprojekte noch mehrere Quartale, wenn nicht gar Jahre, andauern.

Nach den Kursverlusten zwischen April und Juni reizen die Aktien der drei Schwergewichte im Minensektor zum Einstieg. Gemessen an ihrem Kurs-Gewinn-Verhältnis sind sie moderat bewertet. Am günstigsten bleibt der Titel von Anglo American, für den die Anleger etwa 12-mal den für 2004 gschätzten Gewinn zahlen. Eine Warnung sei jedoch gegeben: Die „Kurs-Jo-Jos“ der Rohstoffwerte können einerseits sehr lukrativ sein, andererseits brauchen Anleger dafür bisweilen starke Nerven.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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