Niedrige Zinsen, billige Kredite
Konsumrausch in Brasilien

Davon kann Angela Merkel nur träumen: Ihr brasilianischer Kollege Lula wird sich im beginnenden Wahlkampf damit brüsten können, in seiner Regierungszeit fünf Millionen neue Jobs geschaffen zu haben. Von Januar bis April dieses Jahres erhielten alleine rund eine halbe Million Brasilianer neue Arbeitsplätze. Das liegt an der Landwirtschaft, wo die Farmer, die Zulieferer und Verarbeiter wegen des Rohstoffbooms kräftig investiert und eingestellt haben. Niedrige Zinsen und billige Kredite haben diesen Boom begünstigt.

SÃO PAULO. Auch die Verkäufe von langlebigen Konsumgütern – vom Bügeleisen bis zum Kleinwagen – haben zugenommen, wegen der besseren Finanzierungsbedingungen. Nicht zuletzt steckt die öffentliche Hand Geld in neue Straßen, Hafenanlagen, Flughäfen. Folge: Die neuen Jobs führen zu steigenden Einkommen.

Der brasilianischen Börse beschert die damit wachsende Kaufkraft wichtige Impulse: Die höchsten Wertzuwächse verzeichnen neben einigen Blue-Chips aus dem Konsumbereich. Telekom- und Stromaktien dagegen schneiden dieses Jahr weit schlechter ab. Diese Entwicklung ist neu. Denn bisher dominierten an der Bovespa die schweren Titel aus den Branchen Energie, Bergbau, Telekom, Banken und Stahl.

Doch das ändert sich zunehmend. Von den 26 Aktienneuemissionen kam der Großteil aus der Konsumbranche, die bislang an der brasilianischen Börse eine Nebenrolle spielt. Dabei war es der Kosmetikhersteller Natura, der vor zwei Jahren mit seinem Börsengang die bis jetzt anhaltende IPO-Serie einläutete. Die Bau- und Immobilienkonzerne Cyrela und Gafisa folgten ebenso wie der Laborbetreiber Dasa, der Kreditkartenabwickler CSU Cardsystems, der Internet-Auktionator Submarino, der Autovermieter Localiza sowie der Billigflieger Gol – alle diese Unternehmen bieten Dienstleistungen an, die es bisher an der Börse nicht gab. Auch die Kaufhauskette Lojas Renner ist neu an der Börse.

Vor allem ausländischen Investoren interessieren sich für die Neulinge. Der Grund: Viele Konsumunternehmen besitzen solide Fundamente und werden transparent geführt. Die meisten der neuen Aktien wurden deshalb auch am Novo Mercado, dem Neuen Markt der Bovespa lanciert, wo strengere Auflagen an Corporate Governance gestellt werden, von denen Minderheitsaktionäre profitieren. Das honorieren die Anleger.

Trotz der jüngsten Turbulenzen sind die Aussichten für Konsumaktien weiter gut: Alle Investmentbanken erwarten, dass die Zentralbank ihre Zinssenkungen fortsetzen wird. Die Konjunktur läuft rund. Im Wahljahr gibt sich die Regierung spendabel. Selbst die Weltmeisterschaft dürfte den Konsum von Bier und Fernsehern anregen. Für risikobereite Investoren auf der Suche nach kurzfristigen Engagements sind diese Aktien deshalb interessant – besonders nach den Turbulenzen der letzten zwei Wochen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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