Nur Durchschnitt
Deutsche Aktien hängen wieder am Rest der Welt

Die Luft ist raus. Seit der Bundestagswahl und ihrem überraschenden Ergebnis treten die Kurse nur auf der Stelle. Ist die Wahl an allem Schuld? Ja, denn Investoren wurden kalt erwischt. Nein, auch alle anderen großen Indizes in der Welt kommen nicht voran. Und das liegt ganz bestimmt nicht an der deutschen Wahl.

DÜSSELDORF. Rasant steigende Unternehmensgewinne, niedrige Zinsen in Europa, eine robuste Weltkonjunktur und ein – zumindest vorläufiges – Ende des Euro-Höhenfluges haben europäische Aktien monatelang beflügelt. Mehr als zehn Prozent ging es in diesem Jahr an allen großen Börsenplätzen aufwärts. Dadurch hat sich der drastische – und in seiner extremen Form ungerechtfertigte – Bewertungsabschlag gegenüber amerikanischen Titeln zumindest etwas abgebaut. Denn Aktien in Übersee treten in diesem Jahr nur auf der Stelle. Weil aber gleichzeitig die US-Firmen mehr Geld als im vergangenen Jahr verdienen, verringert sich – gemessen am Verhältnis Aktienkurs zu Firmengewinn – die Bewertung.

Deutsche Aktien liefen innerhalb Europas vorübergehend besonders gut. Vor allem Ausländer investierten viel Kapital, weil sie sich von der niedrigen Bewertung, den starken Firmengewinnen und vor allem den Neuwahl-Hoffnungen locken ließen. Fast alle großen Investmentbanken drängten ihre Investoren verbal in den deutschen Markt, indem sie die guten Aussichten beschrieben und dabei auf Reformen einer künftig konservativ-liberalen Regierung setzten. Harte Fakten untermauerten die weichen Perspektiven: Deutsche Aktien waren gegenüber den Anteilsscheinen in Rest-Europa ein Stück preiswerter.

Die Vorhersage der Investmentbanken bewahrheitete sich: Zwischen Schröders Wahl-Coup am 22. Mai und der Wahl am 18. September legte der Deutsche Aktienindex (Dax) 15 Prozent zu. Das ist mehr als die meisten anderen europäischen Indizes und viel mehr als der Markt in den USA hergab. Wer also auf die Empfehlungen der Banken hörte, machte schnelles Geld.

Doch seit der Wahl kommen deutsche Aktien nicht vorwärts. Ein Grund sind die Inflation und damit verbundene Zinserhöhungsspekulationen. Beides ist Gift für die Börse, weil das Geld weniger wert ist und gleichzeitig in der Beschaffung womöglich auch noch teurer wird. Das geht auf Kosten der Unternehmensgewinne. Zusätzlich belastet in Deutschland die Unsicherheit, ob nun ein Großteil der Reformhoffnungen begraben werden muss. Änderungen im Tarif- und Arbeitsrecht erscheinen ebenso unwahrscheinlich wie eine durchgreifende Reform im Gesundheitswesen oder eine Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke. All das hatte die Kurse kurzfristig beflügelt.

Solange das Gros der Anleger das Gefühl hat, dass eine große Koalition aus CDU und SPD nicht mit demselben Reformeifer zu Werke geht, wie er von CDU und FDP erhofft worden war, ist es mit der positiven Sonderentwicklung deutscher Aktien vorbei. Denn durch den guten Kursverlauf bis zur Wahl wurde ein Teil der Unterbewertung gegenüber den anderen europäischen Börsen abgebaut. Und ein Teil ist aus Sicht vieler Investoren künftig wieder gerechtfertigt, weil Deutschland möglicherweise – wie schon in der Vergangenheit – langsamer als andere Wirtschaftsnationen wächst, sich mit Reformen schwer tut und die politische Zukunft mit einer Portion Unsicherheit behaftet bleibt. Und diese bestrafen Investoren bekanntlich mit Kursabschlägen.

Aber gegen einen Gleichlauf der Aktienkurse, wie schon vor Schröders Wahl-Coup, spricht nichts. Denn die Dax-Unternehmen werden weiter restrukturieren, hohe Gewinne erzielen und gleichzeitig Schulden abbauen – mit oder ohne große Koalition. Sollte diese aber nachhaltig den Eindruck des politischen Stillstands vermitteln, ist Vorsicht angesagt. Dann steigen die Kurse nur, wenn sie anderswo noch stärker zulegen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%