Ölpreis im Blick
Problemfall Iran bedroht Finanzmärkte

In den Medien ist die Verhaftung britischer Seeleute durch iranische Streitkräfte am Wochenende keine große Nummer gewesen. Auch die Akteure an den Finanzmärkten haben ihre Einschätzung nicht geändert. Eine Konfrontation zwischen Iran und den USA bzw. Israel sei unwahrscheinlich, glauben viele. Das könnte sich jedoch als Trugschluss erweisen.

FRANKFURT. Schon Anfang Januar hatte Charles Robertson von der Investmentbank ING gewarnt. Der Londoner zeichnete in seiner Studie „Attacking Iran“ überraschend offen das Szenario eines eskalierenden militärischen Konfliktes um die Nuklearpläne Irans. Seiner Meinung nach haben die Akteure an den Finanzmärkten einen denkbaren Angriff auf das Land am Persischen Golf nicht auf dem Plan. Gestern legte der ING-Mann nach. „Ich bin jetzt noch besorgter als im Januar“, sagte er.

Wie sehr die Experten die Brisanz der Situation ignorieren, demonstriert eine aktuelle Einschätzung von BNP Paribas. Die Franzosen sehen Öl der Sorte WTI im zweiten Quartal bei knapp 54 Dollar je Barrel, der gängigen Maßeinheit für 159 Liter. Doch der Ölpreis hat bereits reagiert. Binnen weniger Tage schnellte er um sieben Dollar nach oben und pendelt bereits wieder um die Marke von 63 Dollar.

Laut Robertson wären Notierungen über 80 Dollar bei einem Angriff auf Iran zwar wenig wahrscheinlich. Aber Ängste vor einer militärischen Antwort könnten seiner Meinung nach Spekulationen über dreistellige Ölpreise auslösen. Der Rekordpreis aus dem vergangenen Sommer von fast 79 Dollar wäre dann nur noch ein Kapitel in den Börsenannalen.

Brisant ist die Lage weniger dadurch, dass Iran auf Platz sechs unter den wichtigsten Ölexporteuren rangiert. Landesführer Mahmud Ahmadinedschad könnte bei einem Angriff vielmehr versuchen, die Straße von Hormus zu blockieren. Das wäre ein Desaster für die internationale Energieversorgung. Ungefähr ein Drittel des Öltransports auf dem Seeweg läuft laut der US-Analysefirma Weiss Research in den USA durch diese enge Meeresstraße.

Vertreter des ebenfalls amerikanischen Forschungsinstitutes Heritage Foundation halten es durchaus für möglich, dass Iran bei einem Blockadeversuch erfolgreich sein würde. Und das obwohl das Pentagon seit kurzem einen zweiten Flugzeugträger zur Machtdemonstration in der Region stationiert hat.

Eine Eskalation im Golf würde wichtige Finanzmärkte in eine Krise stürzen. Die Folgen: Der Ölpreis steigt kräftig, Aktienkurse und der Dollar fallen tief – Risikoanleihen ebenso; Gewinner sind erstklassige Bonds und Edelmetalle als so genannte „sichere Häfen“. Längerfristig würden die Börsianer wieder ein Thema auf die Agenda setzen, das sie längst abgehakt hatten: die Inflation. Dann würden unter den erstklassigen Staatsanleihen nur noch kurzfristige Titel als Rettungsanker taugen – und natürlich Edelmetalle.

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