Präsenz auf Hauptversammlungen geht zurück
Die Stimme versagt

Stellen Sie sich vor, es ist Hauptversammlung, und keiner geht hin! Ganz so schlimm wird es nicht kommen, doch die Präsenz auf den alljährlichen Aktionärstreffen der Dax-Unternehmen ist in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen.

HB DÜSSELDORF. Machten 1998 durchschnittlich noch über 60 Prozent der Dax-Anteilseigner von ihrem Stimmrecht Gebrauch, waren es in der abgelaufenen Hauptversammlungssaison nur noch rund 46 Prozent. „Der Trend wird sich noch verschärfen“, sagt Franz-Josef Leven, Volkswirt beim Deutschen Aktieninstitut DAI.

Und das berge die Gefahr, dass es irgendwann zu Zufallsmehrheiten bei knappen Mehrheitsverhältnissen kommt. Zwar gab es bei den Dax-Unternehmen noch keine überraschenden Abstimmungsergebnisse, doch welchen Einfluss Minderheitsaktionäre auf eine Gesellschaft ausüben können, zeigte zuletzt das Beispiel der MG Technologies: Erst sammelte Otto Happel, Sohn des Gründers der Metallgesellschaft, so viele Aktien über den Markt ein, bis er die Sperrminorität von 20 Prozent überwunden hatte. Im Frühjahr 2003 drängte er dann den damaligen MG-Chef Kajo Neukirchen aus Amt und Würden. Und die Commerzbank-Oberen erinnern sich noch mit Schrecken an den Namen „Cobra“, einer Investorengruppe um Karl Ehlerding und Clemens Vedder, die im Sommer 2000 fast neun Prozent der Commerzbank ihr Eigen nannten. Genug, um Deutschlands viertgrößte Bank zu einer Fusion mit einem anderen Geldhaus zu drängen.

Bei Happel und Cobra muss es nicht bleiben, denn die Gründe für den Präsenz-Aderlass sind vielfältig: Zum einen haben Sparkassen und Volksbanken von dem Service Abschied genommen, die Stimmrechte im Namen ihrer Depotkunden auszuüben. Diese Entscheidung hat es den rund 80 Prozent der Privatkunden mit Aktienbesitz, die immerhin rund 15 Prozent der Dax-Aktien im Depot haben, erschwert, ihr Stimmrecht zu übertragen und damit auf einer Hauptversammlung abstimmen zu können. Zum anderen verfällt die „Deutschland AG“, weil vor allem Banken und Versicherungen ihr Geflecht aus gegenseitigen Beteiligungen abbauen, um ihr über Jahre gebundenes Kapital freizusetzen und in rentablere Anlageformen zu stecken. Mit dem Verkauf der Beteiligungen über den Kapitalmarkt steigt der Streubesitz – die Präsenzquote auf der Hauptversammlung ist mithin kaum noch kalkulierbar.

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