Prognosen der Anleiherenditen gehen oft daneben
Irrtum inbegriffen

Anleihen sind ein sicheres Ruhekissen. Stimmt zwar. Aber sie sind es nur für den, der bei seinen Anlageentscheidungen kurzfristige Renditeprognosen ignoriert und sich stattdessen einer Anlagepolitik der „ruhigen Hand“ verschreibt.

FRANKFURT. Der Grund: Die Wahrscheinlichkeit einer Fehleinschätzung ist auf den Zinsmärkten noch größer als auf den Aktienmärkten. Das glaubt jedenfalls Holger Benke belegen zu können. Der Geschäftsführer der gemeinnützigen Hertie-Stiftung verwaltet knapp 800 Mill. Euro, davon rund zwei Drittel in Bonds.

Für insgesamt zwölf Jahre wertete Benke die zur Jahreswende abgegebenen Prognosen der etablierten Banken für das Ende des Folgejahres aus. Seine Ergebnisse zusammengefasst: In der Regel hatten die Strategen den langfristigen Zinssenkungstrend nicht auf dem Radarschirm. Sie unterschätzten daher die tatsächlich erzielten Erträge (Kuponeinnahmen plus Kursveränderungen) der zehnjährigen Bundesanleihe – und zwar um durchschnittlich fünf bis zehn Prozent in jedem Jahr. Am Rentenmarkt ist das eine hohe Abweichung.

Die aktuelle Situation scheint die langfristige Betrachtung zu bestätigen. Derzeit pendelt die Rendite der Zehnjährigen um die Marke von vier Prozent – wieder gegen alle Erwartungen. Das Durchschnittsergebnis der Schätzungen, abgegeben zur Jahreswende 2003/2004, zum Jahresendstand 2004 betrug rund 4,80 Prozent. Benke von der Hertie-Stiftung erklärt die Irrtümer mit den „unheimlich komplexen Märkten und starken Zufallseinflüssen etwa von den Ölpreisen“. Dazu kommt der Herdentrieb der Prognostiker. Der Schätzer kann nicht viel falsch machen, wenn er mit allen anderen falsch liegt. „Auf einen falsch liegenden Außenseiter dagegen würde man mit dem Finger zeigen, deshalb ist Kuscheln in der Herde bequemer“, sagt Benke.

Benke selbst hat sich in jungen Jahren als Banker an Zinsprognosen versucht. „Wenn man ehrlich ist: Ich lag einmal richtig, ein anderes Mal falsch.“ Den genialen Prognostiker fand er auch als Verwalter der Stiftungsgelder nicht. Viele Strategen behaupten, sie hätten den Index geschlagen: „Aber die Mehrheit kann nicht besser sein als der Durchschnitt.“

Benke hat den Ausweg aus dem Dilemma gefunden. Er ignoriert bei der Vermögensstrukturierung kurz- und mittelfristige Prognosen. Andere Anleger werden vielleicht versuchen, langfristig erfolgreiche Zinsstrategen ausfindig zu machen, auch wenn der Hertie-Mann das nach seinen Erfahrungen für wenig aussichtsreich hält.

Zu den Ausnahmen, die die Regel der Fehlprognose bestätigen, könnten am Jahresende HSBC Trinkaus & Burkhardt und das Bankhaus Lampe gehören – wenn bis dahin nichts Unvorhergesehenes eintritt. Die Analysten dieser Institute tippten Ende vergangenen Jahres im Rahmen der Handelsblatt-Umfrage auf 4,10 Prozent Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe.

Aber: Wer wie Benke eine Anlage mit regelmäßigen Zinszahlungen und geringem Risiko sucht, dem können Gewinner und Verlierer im Wettbewerb um die richtige Jahresprognose egal sein. Sein Geld ist in einer langfristig gehaltenen Bundesanleihe richtig angelegt.

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