Rentenmarkt
Anleihen in Herbststimmung

So plötzlich wie es von den Temperaturen her schon fast wieder herbstlich geworden ist, so unvermittelt sind herbstliche Gefühle auch am Rentenmarkt aufgekommen. Das ist indes kein Grund zum Frösteln, sondern zum Freuen.

FRANKFURT. Noch vor vier Wochen hatten die meisten Zinsauguren vorhergesagt, dass die langfristigen Renditen erneut deutlich über die Marke von vier Prozent steigen würden. Ein Rückgang der Kapitalmarktzinsen wurde erst ab Herbst prognostiziert.

Doch dieser Rückgang hat früher eingesetzt als erwartet. Seit Mitte Juli rentiert die zehnjährige Bundesanleihe – das Maß aller Dinge für die langfristigen Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum – wieder unter vier Prozent. Den höchsten Stand seit September 2004 hat die zehnjährige Bund-Rendite Anfang Juli mit 4,14 Prozent erreicht. Dieses ist das niedrigste zyklische Hoch in der Geschichte des deutschen Anleihemarkts. Langfristig ist der Trend zu sinkenden Kapitalmarktzinsen voll intakt. Und das wird er auch wohl bleiben. Dass die Renditen in diesem Jahr noch einmal deutlich über vier Prozent steigen werden, glaubt kaum noch jemand.

Für stabile oder noch weiter fallende Renditen und damit steigende Kurse sprechen mehrere Gründe. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist zwar noch dabei, die Leitzinsen zu erhöhen. Auf die jüngste Anhebungen Anfang des Monats auf drei Prozent hat das lange Ende des Rentenmarktes aber kaum noch reagiert.

Die noch kommenden Zinserhöhungen und auch ein gestiegenes Wirtschaftswachstum im Euro-Raum hat der Markt bereits verdaut. Und die Akteure am Rentenmarkt denken schon an das kommende Jahr. Dann dürfte die Wirtschaft wieder langsamer wachsen. Dafür spricht zum Beispiel, dass der private Konsum nicht reicht, um einen nachhaltigen Aufschwung zu tragen. Die anstehende Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland, der größten Volkswirtschaft im Euro-Raum, wird die ohnehin nicht ausgeprägte Konsumfreude noch bremsen.

Auch ein Blick auf den Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts spricht für den Rentenmarkt. Seit 1991 gingen die Kapitalmarktzinsen stets zurück, sobald der Ifo-Index seine Spitze gesehen hatte. Der Geschäftsklimaindex ist im Juli auf den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen und im August gesunken. Mit ihm fielen die Renditen.

Dazu kommt natürlich, dass auch in den USA die Zeichen für eine Abschwächung der Wirtschaft früher gekommen sind als erwartet. Hinweise darauf gaben zuletzt die wenig rosigen Arbeitsmarktdaten und das niedriger als erwartete Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Diese Unsicherheit über die weitere Wirtschaftsentwicklung veranlasste die US-Notenbank am Dienstag zu einer Pause in ihrem seit Sommer 2004 andauernden Zinserhöhungszyklus. Und auch mit dieser Zinspause hat sich die Stimmung für die amerikanischen und die europäischen Bondmärkte aufgehellt.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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