Rohstofftitel dominieren Londoner Börse
Neue Abhängigkeiten

Die Finanzbranche mag die britische Wirtschaft weiterhin klar dominieren – doch an der Londoner Börse bekommt sie starke Konkurrenz. Mit der für April geplanten Umstrukturierung des niederländisch-britischen Ölmultis Royal Dutch/Shell mit anschließender Erstnotiz in London gewinnen die Öl- und Gaskonzerne im Leitindex FTSE-100 kräftig an Gewicht.

LONDON. Da Shells Gewicht von knapp vier Prozent auf 7,5 Prozent wächst, legt die Branche im Index von 15,5 auf rund 19 Prozent zu. Nimmt man die an der Londoner Börse zahlreichen Rohstoffkonzerne hinzu, so haben die Öl- und Rohstofftitel mit rund 24 Prozent künftig ein um rund zwei Prozentpunkte höheres Gewicht als die Banktitel. Dominierender Einzelwert mit zehn Prozent ist und bleibt BP, dahinter folgen dann mit zwischen siebeneinhalb und acht Prozent HSBC, Vodafone und eben Shell.

Was bedeutet die Verschiebung der Gewichte für die Börse? Auf jeden Fall steigt die Abhängigkeit des Marktes von der Entwicklung der Ölpreise. Im Rückspiegel betrachtet müsste das Anlass zur Sorge geben, denn die Preise hatten in den vergangenen zehn Jahren kräftig geschwankt, bevor sie sich zuletzt auf eine volkswirtschaftlich bedenkliche Rekordjagd begaben.

Doch der Ausblick auf die kommenden Jahre lässt sowohl für Öl als auch für andere wichtige Rohstoffe eher noch weiter steigende als sinkende Preise erwarten. So verfehlte die Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) in dieser Woche vollkommen das Ziel, mit einer kleinen Erhöhung des Produktionsziels die Märkte zu beruhigen. Zwar ist das Opec-Ziel mit 27,5 Millionen Barrel (159-Liter-Fass) am Tag so hoch wie noch nie, doch die Märkte fürchten, dass die Produktion im laufenden Jahr nicht reichen könnte, um die Nachfrage zu befriedigen.

Auch mittelfristig ist nicht in Sicht, dass sich die Nachfrage aus China und anderen Schwellenländern abschwächt – das gilt auch für andere Rohstoffe. Gleichzeitig ist die Ölproduktion der Opec-Staaten bereits sehr nahe an den Kapazitätsgrenzen.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Fondsmanager und Analysten die wachsende Abhängigkeit des FTSE-100 von Öl- und Rohstoffpreisen recht gelassen hinnehmen. Hohe Preise bedeuten hohe Gewinne und steigende Aktienkurse bei den Unternehmen – das wird der Londoner Börse Rückenwind geben. „Die größere Öl-Gewichtung wird die Volatilität der Londoner Börse nicht erhöhen“, argumentiert ein Fondsmanager, „sie wird im Gegenteil eher stabilisierend wirken.“

Die Entwicklung der Aktienkurse seit dem Tiefpunkt im Frühjahr 2003 gibt ihm Recht: Der FTSE-100 ist im Vergleich der Durchschnitte des zweiten Quartals 2003 zum ersten Quartal 2005 um 31 Prozent gestiegen und damit deutlich weniger als der Pariser CAC-40 (plus 46 Prozent) und auch der Dax-30 (plus 75 Prozent). Im gleichen Zeitraum sind die Öl- und Gaswerte im MSCI-Weltindex um 58 Prozent gestiegen und die Rohstoffwerte sogar um 80 Prozent. Ein höheres Gewicht dieser Werte hätte dem FTSE-100 also grundsätzlich gut getan.

Unabhängig davon, welche Branche an Gewicht gewinnt: Langfristig erhöht die immer stärkere Konzentration der Marktkapitalisierung auf wenige große Werte schon die Volatilität, argumentieren Fondsmanager. Der FTSE-100 vereine nach der Shell-Umstrukturierung rund 90 Prozent der gesamten Kapitalisierung des Londoner Aktienmarktes auf sich. Und im Leitindex werden die acht Top-Werte die Hälfte des Kapitals auf sich vereinen. „Aber wir sind ja trotzdem nicht Finnland, wo Nokia die ganze Börse bestimmt“, beruhigt ein Fondsmanager.

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