Russlands Börse zwischen Höhenflug und Absturz
Tanz auf dem Vulkan

Gestern war es endlich soweit: Nach mehrtägigem Anlauf hat der Moskauer Börsenleitindex RTS mit 575 Punkten sein bisheriges, im Oktober 1997 markiertes Allzeithoch um drei Punkte übersprungen.

MOSKAU. Doch ob die Aktienkurse dieses Niveau auch verteidigen können, ist derzeit so offen wie die Zukunft des Riesenreichs als Ganzes.

Unbestritten steht Russland fundamental stark da: Die Wirtschaft wächst mit 7 % im ersten Halbjahr, die Gold- und Devisenreserven liegen auf Rekordniveau und seit Jahren bestehen Haushalts- und Handelsüberschüsse. Auch konjunkturell passt vieles: Während die Weltwirtschaft erst allmählich wieder auf Touren kommt, haben russische Ölproduzenten, Stahlkocher oder Metallförderer ihre Betriebe bereits so positioniert, dass sie immer neue Produktionsrekorde erzielen – und das bei anziehenden Nickel-, Palladium- und Aluminiumpreisen und einem auf absehbare Sicht stabilen Erdölpreis. Die Bauindustrie wächst, der Maschinenbau verzeichnet volle Auftragsbücher und Telekomanbieter sowie Handel boomen.

Gute Nachrichten also für die Ak-tien von Russlands Vorzeigeunternehmen wie etwa dem Erdölkonzern Yukos, dem weltgrößten Buntmetallproduzenten Norilsk Nickel oder dem in London notierten Maschinenbauer OMZ (United Heavy Machineries). Da neben den Aktien- und Anleihenmärkten auch das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen brummt, sehen sich westliche Investmentbanken in Moskau bereits eifrig unter den Borkerhäusern nach Übernahmekandidaten und Personal um.

Doch wie lange hält der Aufschwung an? „Ich glaube nicht, dass der RTS sein bisheriges Allzeithoch dauerhaft überspringt“, zweifelt der Moskauer Fondsmanager Florian Fenner. Denn das politische Umfeld ist höchst kompliziert: Neben dem Hin und Her von Präsident Putin, der sich zwar gegen Verstaatlichungen ausspricht, aber im Oligarchen-Kampf die zweifelhaften Ermittlungsverfahren der Generalstaatsanwaltschaft nicht stoppt, gibt es weitere schlechte Zeichen. Die beschlossene Reform des staatlichen Strommonopolisten UES wird von der Regierung zerredet, der überfällige Umbau des Gasgigantens Gazprom gar nicht erst angepackt. „Für eine kurze Zeit kann der Hype in Russland anhalten“, meint James Fenkner, Research-Chef der Investmentbank Troika Dialog. „Aber ohne stabile Plattform wird es Kopfschmerzen geben, wenn die letzten Käufer im Markt sind.“ Die Folge: In Zukunft wird die Börse wohl auf Schlingerkurs bleiben.

Die Zeit guter Geschäfte scheint ohnehin bald vorbei. „Russlands Aktienmarkt ist nicht mehr billig", meint Fenkner, nach dem 830-prozentigen Kursfeuerwerk seit 1999. Zudem könnten internationale Anleger meist nur Aktien der großen Exporteure kaufen, die vom Inlandsaufschwung nur wenig profitierten. Papiere von international bekannten Energieunternehmen hingegen sind alles andere als günstig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – westliche Abschreibungsmethoden angelegt – russischer Ölkonzerne liegt beispielsweise mit 12 bereits über dem der Mineralölförderer anderer Entwicklungsmärkte und nicht mehr weit vom 16er KGV westlicher Marktführer entfernt.

Als Warnzeichen gilt auch, dass sich erste Anleger und Unternehmen aus dem Heimatmarkt zurückziehen. So stößt der Aluminium- und Öl-Baron Roman Abramowitsch seine russischen Beteiligungen ab und investiert lieber in den Londoner Fußballclub Chelsea. Die im Moment kursierenden Rekorddividenden bei Yukos und Sibneft vor ihrer Fusion dürften nur eine Vorstufe zur neuen Kapitalflucht aus Russland sein – alle flüssigen Mittel aus den Unternehmen ziehen, um sie in den Westen zu transferieren. Getreu dem Motto: „Auch mal an Gewinnmitnahmen denken!“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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