Sanierungsplan enthält zu viele Schwächen
Die Fiat-Aktie ist eine reine Glaubensfrage

Fiat, das größte Unternehmen Italiens, befindet sich in einer tiefen Krise. Allein in den vergangenen 12 Monaten hat die Aktie die Hälfte ihres Wertes eingebüßt.

TURIN. Die Geschichte von Fiat besitzt alle Zutaten, die einen Bestseller-Roman ausmachen: eine alte Industriellen- Familie mit überragender gesellschaftlicher Stellung (die Agnellis), mythische Produkte (z.B. Ferrari) und Herausforderungen auf der ganzen Welt. Für den Aktionär liest sich die Fiat- Story indes eher als Tragödie: Allein in den vergangenen 12 Monaten hat die Aktie die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Im Jahr davor war es schon einmal so viel. Keine Frage: Das größte Unternehmen Italiens befindet sich in der tiefsten Krise seiner 104 Jahre alten Geschichte. Doch vergangene Woche hat der neue Boss des Konglomerats, Giuseppe Morchio, einen Sanierungsplan vorgelegt. Sollte der erfolgreich sein, könnte Fiat auch aus Anlegersicht wieder interessant werden.

Wie bei allen „fallen angels“ ist aber größte Vorsicht angebracht. Dass die Ratingagenturen Anleihen von Fiat in die Kategorie „Schrott“ abgewertet haben, gibt einen klaren Hinweis: Anhaltend hohe Verluste und eine zunehmend dünnere Substanz gefährden mittelfristig ein eigenständiges Überleben des Konzerns. Morchio setzt darauf, durch hohe Investitionen in neue Fahrzeugmodelle sowie Forschung & Entwicklung den Anschluss an die Weltspitze zu finden. Parallel kürzt Fiat Kapazitäten, schließt zwölf Fabriken und entlässt über 12 000 Mitarbeiter. Dadurch hofft er, den Konzern bis 2005 wieder in die Gewinnzone zu bringen. Ein Jahr später soll die besonders stark gebeutelte Autosparte erstmals wieder einen positiven Ergebnisbeitrag leisten.

Auch wenn die Zeiträume sehr lang erscheinen, ist der Plan das seriöseste Dokument, das Fiat in den vergangenen zwei Jahren präsentiert hat. Es werden alle Kernprobleme angesprochen – veraltete Modellpalette, schwache Kapazitätsauslastung, geringe Kapitalausstattung. Das schafft Vertrauen, das die früheren Führungsspitzen des Konzerns verspielt haben. Es gefällt, dass die Familie Agnelli als Kontrollaktionär offensichtlich wieder voll hinter Fiat steht. Personell wird dies durch die Präsidentschaft von Umberto Agnelli ausgedrückt. Dass sich Fiat nun vollständig auf das Fahrzeuggeschäft konzentriert, war eine seit langem bestehende Forderung der Marktteilnehmer. Der Versuch, eine europäische Variante des US-Mischkonzerns General Electric zu schaffen, ist kläglich gescheitert. Die Straffung des Portfolios ist mit dem gestrigen Verkauf von der Triebwerkstochter Fiat Avio abgeschlossen; der Gesamterlös von neun Milliarden Euro ist respektabel.

Dennoch enthält der Plan zu viele Fragezeichen und Schwachstellen, um dem Anleger jetzt ein Kaufsignal zu liefern. Gespart wird im Wesentlichen beim LKW-Hersteller Iveco und dem Land- und Baumaschinenproduzenten CNH – nicht aber bei der besonders schwachen Autotochter. Arbeitsplätze werden fast nur im Ausland abgebaut – nicht in Italien. Es ist schleierhaft, wie bei einer mittelfristig geplanten Kapazitätsauslastung von weniger als 80 % in den Fiat- und Lancia-Fabriken ein positiver Cash-Flow erzielt werden soll. Derzeit verbrennt der Konzern jeden Monat 120 bis 150 Mill. Euro. Der Verlust im ersten Quartal ist mit 342 Mill. Euro höher ausgefallen, als die meisten Analysten geschätzt hatten. In den kommenden Quartalen werden durch die Verkäufe auch noch die Ertragsstützen Avio und Toro (Versicherung) dekonsolidiert, was die Ergebnisse zusätzlich unter Druck setzen wird. Dazu kommt eine schlechte Branchenkonjunktur. Egal ob bei Auto oder Nutzfahrzeugen, die Nachfrage ist niedrig und wird sich nicht vor 2004 erholen. Last but not least wird in den kommenden Wochen eine Kapitalerhöhung im Volumen von 1,8 Mrd. Euro durchgeführt. Die neuen Papiere kommen zu fünf Euro je Stück – das liegt rund 20 % unter der aktuellen Notierung und dürfte kurzfristig Druck auf die Aktie ausüben.

Angesichts all dieser Risiken erscheint die Bewertung der Fiat-Aktie im Vergleich zu den Konkurrenten wie Volkswagen noch immer zu hoch. Allerdings hat Fiat einen Trumpf im Ärmel, der nicht zu unterschätzen ist: Ab Anfang nächsten Jahres hat der Turiner Konzern das Recht, den größten Verlustbringer, die Autosparte, an den strategischen Partner General Motors abzugeben. GM würde sich vermutlich mit Händen und Füßen wehren. Gelänge aber ein Verkauf, gäbe dies der Aktie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen erheblichen Schub. Übrig bliebe ein viel kleinerer, dafür aber ein profitabler Konzern, der sich dann auf Nutzfahrzeuge spezialisieren würde.

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