Schwierige Zeiten für Nokia- und Ericsson-Aktionäre
Favoritenwechsel

Verkehrte Welt: Die erfolgsverwöhnten Nokia-Aktionäre – manch einer von ihnen ist in den vergangenen zehn Jahren durch den finnischen Handy-Weltmarktführer zum Multimillionär geworden – trauten kaum ihren Augen: Umsatz- und Gewinnwarnung, schwacher Ausblick, Kurssturz.

STOCKHOLM. Das hat man bei Nokia bislang so noch nicht erlebt. Die Aktie reagierte mit einem Kurssturz von 17 Prozent an einem einzigen Tag. Seit Jahresbeginn ist die Nokia-Aktie um sechs Prozent gefallen. Der Primus hat wichtige Trends verschlafen, hat beispielsweise nur ein einziges Klapphandy auf dem Markt. Sicherlich, aufklappbare Handys stammen aus den Anfängen des mobilen Zeitalters, sind insofern ein Schritt zurück, doch was soll's: Der Kunde will sie haben, und Nokia kann sie nicht bieten.

Szenenwechsel: Die arg gebeutelten Ericsson-Aktionäre – viele von ihnen haben in den vergangenen drei Jahren ein Vermögen verloren – hatten ebenfalls Grund zum Staunen: Ihr Konzern, der Weltmarktführer bei Mobilfunknetzen, hat die Krise überwunden und verdient selbst bei dem zusammen mit Sony betriebenen Handy-Joint-Venture wieder Geld – genauso wie die Aktionäre: Seit Jahresbeginn zogen Ericsson um sagenhafte 70 Prozent an. Die großen Telekomkonzerne haben wieder begonnen, in ihre Netze zu investieren, ja, sie forcieren sogar den Netzausbau für den Mobilfunkstandard der dritten Generation (UMTS). Jahrelang hatten sie auf die Investitionsbremse getreten, vor allem, weil sie sich bei den UMTS- Auktionen kräftig überhoben hatten.

Ein Favoritenwechsel scheint vielen angebracht. Doch so einfach ist die Sache nicht. Ericsson ist zwar über den Berg, wie auch Konzernchef Carl-Henric Svanberg am Montag in einem Handelsblatt-Gespräch sagte, doch weitere Schwächephasen sind nicht auszuschließen. Beispielsweise ist Ericsson auf dem wichtigen US-Markt für Mobilfunksysteme mit einem Anteil von gerade einmal fünf Prozent nur ein kleiner Spieler. Dominant sind die Schweden bei dem europäischen GSM-System. Beim neuen Standard UMTS werden sie vermutlich zum Marktführer werden, doch die Konkurrenz wird härter – nicht zuletzt durch Nokia und Siemens/NEC.

Und Nokia darf nicht ausgezählt werden. Der Konzern aus Espoo bei Helsinki macht rund 80 Prozent seines Umsatzes mit Handys, eine Schwächephase in diesem Bereich ist also besonders ernst für den Konzern. Aber: Nokia ist mit einem Handy-Marktanteil von knapp 35 Prozent weiterhin die unangefochtene Nummer eins. Und der Konzern macht weiterhin fette Gewinne: im ersten Quartal immerhin 1,2 Milliarden Euro. Das waren Zwar 16 Prozent weniger als vor einem Jahr, doch von einem Konzern in der Krise zu sprechen, ist sehr weit hergeholt. Nokia will bis Jahresende 40 neue Handy-Modelle präsentieren. Bis dahin gilt es für die Finnen vor allem, den Imageschaden zu begrenzen. Wenn auf Schulhöfen und in Discos die Handys aus Espoo nicht mehr „in“ sind, wiegt das schwerer als ein oder zwei schwache Quartale.

Anleger sollten im Hinterkopf haben, dass die Nokia-Aktie derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 17 vermutlich einen realistischen Wert hat. Ericssons KGV liegt dagegen trotz positiver Signale mit 27 sehr hoch. Viele Investmentbanken haben denn auch in den vergangenen Tagen das Kursziel für Ericsson auf einen Wert gesenkt, der unter dem heutigen Kurs liegt.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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