Sehr viel Mut gefragt
Highflyer mit Leichen im Keller

Rund 70 % Kursgewinn in weniger als vier Monaten - das klingt nach einer kleinen, heißen Internetaktie mitten im Hightech-Boom. Weit gefehlt. Die Rede ist von JP Morgan Chase, mit dreißig Millionen Kunden und einer Bilanzsumme von 755 Mrd. $ die zweitgrößte Bank der USA.

HB NEW YORK. Seit dem Tief im März zählt die Aktie zu den Spitzenreitern im Dow-Jones-Index der New Yorker Börse. Dort hängte sie sogar den Rivalen Citigroup – die weltweite Nummer eins unter den Banken – ab. Der Grund für die starke Performance ist einfach: Fondsmanager und Privatanleger setzen auf eine Konjunkturerholung in den USA. Wem die Hoffnung auf eine bessere US-Wirtschaft als Kaufargument aber nicht reicht, der sollte von JPM Chase die Finger lassen.

Denn die Bank braucht den Aufschwung dringend, um ihre massiven Probleme zu überdecken. Entstanden ist der Konzern im Jahr 2000 aus der Übernahme der Investmentbank JP Morgan durch die New Yorker Geschäftsbank Chase Manhattan. Zwar verkauft Bankchef William Harrison die Fusion weiterhin als „Kombination zweier Marktführer zu einem globalen Powerhouse“. Analysten wie Reilly Tierney von der New Yorker Researchboutique Fox-Pitt, Kelton sprechen jedoch vom Zusammengehen zweier Kranker, woraus eben kein gesundes Unternehmen entstehen konnte.

So summieren sich zum Beispiel die Leichen, die JP Morgan und Chase Manhattan in ihren riesigen Private-Equity-Portefeuilles verstecken. Beide investierten überdies im Hightech-Boom Milliarden in kleine Start-ups, von denen viele heute wertlos sind. Analysten vermuten, dass in den Büchern noch ein Abschreibungsbedarf in dreistelliger Millionenhöhe steckt. JP Morgan und Chase engagierten sich zudem beide stark im Kreditgeschäft. Ob Enron, Worldcom oder große US-Fluglinien - bei fast jeder Pleite in den USA war einer der beiden Fusionspartner beteiligt.

Doch wie das Sprichwort sagt: Jedes Schlechte hat auch sein Gutes. Im Fall JPM Chase steckt dieses Gute in dem enormen Schub, den schon eine leichte Konjunkturerholung der Bank bringt. Denn sobald die Wirtschaft wieder besser läuft, steigt die Kreditwürdigkeit von JPMs Firmenkunden. Statt neuer Rückstellungen für faule Kredite könnte die Bank sogar aufgebaute Reserven wieder auflösen. Das würde den Bilanzgewinn stark erhöhen. Optimistische Analysten wie Brock Vandervliet von Lehman Brothers weisen darauf hin, dass eine Rückkehr der Rückstellungsrate für schlechten Darlehen auf das Niveau der 90er Jahre einen starken Ertragsschub bringen würde. Zudem verbessert die jüngste Erholung an den Finanzmärkten die Chancen, die Beteiligungen im Private-Equity-Portefeuille doch noch über Börsengänge zu versilbern. Übertrifft der Erlös den bereits reduzierten Buchwert der Investments, winken auch hier Sondererträge, die den Bilanzgewinn aufpolieren.

Auch das restliche Geschäft von JPM Chase reagiert sehr konjunktursensibel. Im Investmentbanking würden Börsengänge, Anleiheemissionen und Wertpapierhandel von einem weiteren Aufschwung an den Finanzmärkten profitieren. Sowohl bei Privat- als auch bei Geschäftskunden zählt Chase US-weit zu den bedeutendsten Akteuren bei Firmenkrediten, Vermögensverwaltung und Kreditkarten. Dort winken steigende Erträge, wenn die US-Wirtschaft stärker als erwartet wächst.

Somit eignet sich die JPM-Aktie hervorragend für eine Konjunkturwette. Allerdings sollten Anleger einen Blick auf den langfristigen Chart werfen, bevor sie zugreifen. So wirkt der Sprung von knapp über 20 $ im März auf rund 34,50 $ im gestrigen Handelsverlauf zwar imposant. Aber im Fusionsjahr 2000 kratzte die Aktie noch an der 60-Dollar-Marke. Der Kursverfall, der weit stärker ist als innerhalb der amerikanischen Bankbranche insgesamt, spricht eine deutliches Urteil über die von JPM-Chef William Harrison eingefädelte Fusion.

Dass Harrison trotz seines krassen Misserfolges fest im Sattel sitzt, bezeichnet ein hochrangiger Investmentbanker als eines der größten Mysterien der Wall Street. Doch das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis von 34,12 laut Reuters bedeutet einen starken Vertrauensvorschuss für den JPM-Chef. Zum Vergleich: Das KGV der vom legendären Wall-Street-Manager Sanford Weill geführten Citigroup liegt bei 16,19.

Nicht ausgeschlossen, dass die JPM-Aktie mit dem Rückenwind einer stärkeren US-Konjunktur noch eine Weile zulegt. Doch langfristig orientierte Anleger sollten nach besseren fundierten Investments Ausschau halten.

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