Spekulativer Charme
Warum Optionsscheine derzeit einen Blick wert sind

"Gleich drei Wünsche auf einmal zu erfüllen“, versprach die Werbung für ein Überraschungsei in den 80er-Jahren. Auch viele Anleger haben derzeit drei Wünsche: Sie wollen von den historisch niedrigen Zinsen, dem Rekordtief der Volatilität, sowie der moderaten Bewertung vieler deutscher Standardwerte profitieren.

Diese Sondersituation macht ein Anlagevehikel interessant, das in den vergangenen Jahren von dem Boom der Turbo- und Knock-Out-Produkte immer mehr verdrängt wurde – die Optionsscheine. Sie erfüllen gleich drei Wünsche auf einmal: Das niedrige Zinsniveau und die geringe erwartete künftige Schwankungsbreite der Dax-Werte (Volatilität) sorgen derzeit für historisch niedrige Optionsprämien und damit aus Sicht der Käufer für günstige Preise für die Optionsscheine. Vor allem Kaufoptionsscheine (Calls) mit langen Restlaufzeiten von bis zu fünf Jahren sind nicht nur für Spekulanten, sondern auch für moderate Optimisten einen Blick wert.

Den Charme einer Spekulation mit lang laufenden Kaufoptionsscheinen auf deutsche Blue Chips macht dreierlei aus: Erstens erlauben sie langfristig optimistischen, aber kurzfristig unsicheren Anlegern eine bequeme Spekulation mit Teilbeträgen – schließlich ist der Dax noch rund 40 Prozent von seinen Höchstständen aus dem Frühjahr 2000 entfernt.

Zweitens müssen sie angesichts der niedrigen Optionsscheinpreise zwar nicht auf den Hebel auf ihr Engagement verzichten, zugleich aber auch nicht den bei Optionsscheinen oft üblichen hohen Zeitwertverlust fürchten, der bei langen Laufzeiten von rund fünf Jahren kaum ins Gewicht fällt. Drittens können die Käufer der Optionsscheine auch auf eine künftig wieder höhere Volatilität und steigende Zinsen hoffen. Beide Faktoren würden den Kurs der Optionsscheine, ganz unabhängig von der Kursentwicklung der ihnen zugrunde liegenden Aktien und Indizes, klettern lassen.

Gerade die Volatilität, gemessen am VDax, als einer der wichtigsten Faktoren der Preisbildung von Optionsscheinen bewegt sich derzeit auf einem Rekordtief. Kaum vorstellbar, dass sowohl Zinsen als auch die Volatilität über mehrere Jahre auf dem aktuell niedrigen Niveau verharren.

Was dies konkret heißt, zeigt eine Betrachtung der Kennziffer des jährlichen Aufgeldes. Es gibt an, um wie viele Prozent pro Jahr der Basiswert des Calls steigen muss, damit der Käufer keinen Verlust erleidet. Darüber hinaus erzielt er Gewinne. So müssen derzeit für Kaufoptionsscheine auf Dax-Werte mit einer Restlaufzeit bis Dezember 2010 in der Regel lediglich jährliche Aufgelder zwischen 0,5 und fünf Prozent bezahlt werden. Etwa auf die Allianz: Ein Kaufoptionsschein mit der Basis 80 Euro und Fälligkeit im Dezember 2010 weist derzeit ein jährliches Aufgeld von 2,9 Prozent auf. Zudem spekulieren Anleger mit einem dreifachen Hebel. Schon ab einem Allianzkurs von mindestens 110 Euro – derzeit notiert die Aktie des Versicherungskonzerns bei rund 96 Euro – erzielen Anleger Gewinne. Gleichwohl droht ein Totalverlust nur dann, wenn die Allianz zum Laufzeitende in gut fünf Jahren unter 80 Euro notiert.

Zwischenzeitliche Kursverluste spielen im Gegensatz zu Hebelprodukten mit Knock-Out-Schwellen keine Rolle. Calls mit Laufzeiten von mehr als fünf Jahren auf die Deutsche Telekom oder den Generikahersteller Stada werden gar zu jährlichen Aufgeldern von weniger als einem Prozent gehandelt. Im Klartext: Schon Kursgewinne von im Schnitt mehr als ein Prozent pro Jahr der Deutschen Telekom hieven Anleger mit den „Langläufern“ in die Gewinnzone.

Selbst den unwahrscheinlichen Fall einer jahrelangen Phase niedriger Zinsen und Volatilität müssen die Halter lang laufender Kaufoptionen nicht fürchten: Vor allem niedrige Zinsen wären auch der Treibstoff für deutlich höhere Aktienkurse.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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