Spezialchemieunternehmen
Degussa ist kein Schnäppchen

Die guten Zahlen des Spezialchemieunternehmens Degussa in der vergangenen Woche haben die Akteure am Anleihemarkt wenig beeindruckt. Und das zu Recht. Denn das Wohl und Wehe der Degussa-Anleihe hängt vom neuen Mutterkonzern RAG ab.

HB FRANKFURT. Der ehemalige Bergbaukonzern hat die Düsseldorfer übernommen und will den Konzern zum Jahreswechsel von der Börse nehmen. Damit dürfte die Transparenz sinken.

Noch schwerer wiegt, dass die RAG – anders als Degussa – kein Rating hat. Die von Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller geführte RAG ist wesentlich stärker verschuldet als Degussa und hat hohe Pensionsverpflichtungen. Dazu drohen weitere Verbindlichkeiten aus der möglichen Schließung von Bergbauminen und Altlasten aus dem Kohlebergbau, sprich eventuelle Schadensersatzzahlungen aus Bergwerksschäden.

Auf die neue Lage hat die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) bereits Anfang Juni reagiert und die Bonität von Degussa um drei Stufen auf „BB“ herabgestuft. Damit ist die 1,25 Milliarden Euro schwere Degussa-Anleihe – die einzige des Konzerns – von der Kreditwürdigkeit her nur noch Ramsch. Die Anleihe wird im Dezember 2013 fällig. Ihre Rendite ist deutlich auf rund 5,6 Prozent gestiegen. Ein Schnäppchen ist sie damit laut Analysten aber nicht. Sie gehen davon aus, dass der Kurs der Anleihe noch weiter sinkt und die Rendite im Gegenzug steigt.

Viel hängt dabei von der Entscheidung der Ratingagentur Moody’s ab. Die stuft die Kreditwürdigkeit von Degussa noch mit „Baa2“ und damit zwei Stufen über dem Ramschniveau ein. Allerdings prüft auch Moody’s eine Herabstufung, und Fachleute gehen nicht davon aus, dass Degussa sich im Investment-Grade für vergleichsweise sichere Schuldner halten kann.

Unbefriedigend aus Sicht der Gläubiger ist, dass sie nicht viel über ihre Stellung im Konzern wissen. Ein wichtiger Faktor ist, ob Konzernchef Müller den Industrieteil der RAG im nächsten Jahr an die Börse bringen kann. Das Geld soll in eine Stiftung fließen, die dann die langfristigen Verpflichtungen und Altlasten aus dem Bergbau finanziert.

Gegen diese auch für die Gläubiger attraktiven Pläne regt sich jedoch Widerstand aus der Politik. Vor allem die nordrhein-westfälische Landesregierung beansprucht wegen der hohen staatlichen Subventionen für den Steinkohlebergbau ein Mitspracherecht. Möglich ist deshalb, dass die RAG zerschlagen wird und Degussa wieder einen neuen Besitzer bekommt. Für die Anleihehalter wäre dann wiederum die Bonität des möglichen neuen Eigentümers entscheidend.

Die Zukunft der traditionsreichen Degussa ist somit unsicher und die Anleihe nichts mehr für risikoscheue Anleger, zumal sie mit gut sieben Jahren noch recht lange läuft. Zwischenzeitliche Kurserholungen sollten Anleger zum Verkauf nutzen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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