Telekom-Aktien sind besser als ihr Image an der Börse
Lohnende Langweiler

Dem Telekommunikations-Sektor heftet an der Börse zurzeit das Image des Langweilers an. Seit Monaten schon schaffen es die Aktien der Branche nicht, sich vom allgemeinen Markttrend abzusetzen. Im Gegenteil: In der jüngsten Aufwärtsbewegung seit Mitte Mai laufen die europäischen Telekom-Werte dem breiten Markt sogar hinterher.

DÜSSELDORF. Die Zurückhaltung der Investoren ist auf den ersten Blick erstaunlich, denn die Nachrichtenlage aus den Konzernen ist nach den Schreckensmeldungen der vergangenen Jahre inzwischen wieder positiv. Europaweit schreiben die Telekom- Unternehmen im operativen Geschäft anständige Gewinne, die Cash Flows sind hoch und die immensen Schuldenberge der Vergangenheit haben Deutsche Telekom & Co. auf ein erträgliches Maß zurück gefahren.

Doch das alleine reicht den Anlegern nicht. Ihnen fehlen klare Signale, in welchen Bereichen die einstigen Börsenlieblinge ihr künftiges Wachstum erzielen wollen. Das Festnetz-Geschäft kann als Hoffnungsträger kaum herhalten, da sich der Trend rückläufiger Umsätze mit klassischen Telefondiensten kontinuierlich fortsetzen wird. Auch im Mobilfunk nähern sich die europäischen Märkte der Sättigungsgrenze oder haben diese – wie in Italien – bereits erreicht. Kompensiert wird dies zurzeit noch durch ein starkes Auslandsgeschäft. Insbesondere in den USA und in Osteuropa steigt die Kundenzahl mit hohen Raten. Doch auch dort wird irgendwann das Wachstum ins Stocken geraten.

Viel Hoffnung setzen die Konzerne daher mittel- bis langfristig in neue Technologien wie den Mobilfunk der dritten Generation (UMTS) oder die Sprachübertragung über das Internet (IP-Telefonie). Auch die Analysten sehen hier gute Chancen für die etablierten Telekom-Konzerne. Die nach wie vor dominante Stellung vieler Ex-Monopolisten auf ihren Heimatmärkten, die Bekanntheit der Marke sowie nicht zuletzt das technische Know-how wird den Großen auch in den Zukunftstechnologien eine ausgezeichnete Marktposition sichern, erwarten die Branchenexperten. Die Anleger hingegen sind noch skeptisch. Über UMTS wissen sie bisher nur, dass die Konzerne viel Geld für Lizenzen und Netzaufbau bezahlt haben, während die Ertragsaussichten unsicher sind. Auch der zögerliche Start hat dem Vertrauen der Investoren in die neue Technologie nicht gedient.

Allerdings sollten Aktienkäufer überlegen, ob sie mit Blick auf die zurückgebliebenen Kurse nicht die Chancen, die der Sektor bei allen Unsicherheiten bietet, schlechter einschätzen als diese tatsächlich sind. Immerhin haben eine Reihe von Analysten auf Grund der zumindest auf kurze Sicht guten Aussichten für Telekom-Aktien ihre Einschätzung für den Sektor angehoben. Angesichts der guten Zahlen und der gleichzeitig schwachen Kursentwicklung seien viele Telekom-Titel nun relativ günstig bewertet. Vor allem für die Deutsche Telekom und France Télécom sehen Analysten daher Kurspotenzial.

Und nicht nur die Bewertung spricht für eine Aufholjagd des Sektors im zweiten Halbjahr. Auch die stabile Cash-Flow-Entwicklung sollte den Anlegern zu Gute kommen. Weil die Schuldenproblematik nach den Erfolgen der vergangenen Jahre etwas in den Hintergrund getreten ist, können die Unternehmen die hohen liquiden Mittel dazu nutzen, eigene Aktien zurückzukaufen oder ihre Aktionäre mit üppigen Dividenden zu erfreuen. Auf die Aktienkurse sollte sich beides positiv auswirken.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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