Trau, schau wem!
Warum die Prognosen von Profis meistens falsch sind

Mit einem Zitat aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus beginnt der Marktstratege von Dresdner Kleinwort Wasserstein James Montier eine seiner jüngsten Analysen. „Wer Wissen besitzt, trifft keine Vorhersagen. Wer Vorhersagen trifft, der besitzt kein Wissen.“ Der Spruch stammt vom chinesischen Philosophen Lao-Tse.

HB DÜSSELDORF. Der weise Dichter aus Fernost ist gleichsam einer der Vordenker der „Behavioral Finance“, der Wissenschaft von Vorurteilen und falschen Annahmen im Umgang mit dem Geld. Wo steht der Dax am Ende des Jahres, gehen die Zinsen rauf oder runter? Anleger, die sich da bisher auf die Versprechungen prominenter Profis verlassen haben, können ein Lied davon singen, wie sehr sich Fachleute irren können. Doch über Jahrtausende erworbene menschliche Verhaltensweisen verhindern, dass sich selbst nach dem Scheitern des Neuen Marktes in der Qualität der Prognosen von Finanzexperten etwas ändert.

Montier hat sich die Mühe gemacht, ein paar Grafiken zusammenzustellen. Ob die Entwicklung der Inflation, der Zinsen, der Aktienkurse oder die Vorhersage der Gewinnentwicklung: die Prognosen hinken den Tatsachen im Schnitt um ein Jahr hinterher. Das war vor dem Platzen der Aktienmarktblase so, und ist jetzt nicht viel anders. So erwarteten Analysten, dass der breit gefasste US-Aktienmarktindex S&P 500 sich 2002 bei mehr als 1200 Punkten halten würde. Er rutschte jedoch auf weniger als 800 Punkte ab. Für Mitte 2003 rechneten die Strategen dann im Schnitt mit einen Stand, der dann unter der aktuellen Entwicklung lag. Die rasante Rally hatte nach dem Absturz kaum einer erwartet. Völlig daneben lagen die Wahrsager auch mit ihren Zinsprognosen. 2002 sagten sie für zehnjährige US-Staatsanleihen einen Renditeanstieg auf knapp unter sechs Prozent voraus. Die Zinsen sackten in den Monaten danach aber auf nur noch wenig mehr als vier Prozent ab.

Der Grund für die Schieflagen ist ganz einfach: Analysten gehen schlicht davon aus, dass im Prinzip alles so ähnlich bleibt, wie es bisher gewesen ist.

Da unterscheiden sich Fachleute kaum von den Laien. Hinzu kommt bei Experten aber leider eine gefährliche Selbstüberschätzung: Wer viele Fakten kennt, meint, er könnte auch die Zukunft besser vorhersehen. So meinen etwa 75 Prozent aller Fondsmanager, dass sie Kursentwicklungen überdurchschnittlich gut einschätzen können. In der Realität aber schneiden drei von vier Anlageprofis schlechter ab als der Index, an dem sie gemessen werden. Sie sind oft sogar Laien unterlegen. In Experimenten ließen Finanzwissenschaftler unbedarfte Studenten und Kapitalmarkt-Experten gegeneinander antreten. Studenten schnitten mit ihrer Aktienauswahl besser ab. Besonders traurig: Beide Gruppen erreichten ein schlechteres Ergebnis, als wenn der Zufall entschieden hätte. Wie sagte Lao-Tse? „Wer Vorhersagen trifft, hat kein Wissen.“

Im Nachhinein finden die Experten dann stets allerlei Gründe, warum ihre Prognosen doch nicht so schlecht waren: Das US-Haushaltsdefizit habe die Nachfrage nach Anleihen unnatürlich angeheizt, das Wahldebakel in Florida habe die Jahresschlussrally verhindert. Auch beliebt: die Prognose stimmt, sie ist nur noch nicht eingetroffen. Zu diesem Erklärungsschema bekennt sich ehrlicherweise auch Montier. Seit vielen Monaten warnt er vor Zeichen der Überhitzung auf den Aktienmärkten, doch die Aktienkurse sind seither um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Schlaue Anleger trauen ebenso wie gute Analysten lieber den Fakten: Kurs-Buch-Verhältnis, Cash- Flow, bisherige Gewinnentwicklung.

Übrigens: Dem Wetterbericht dürfen wir tatsächlich Glauben schenken. Meteorologen liegen als einzige Gruppe mit ihren Vorhersagen überwiegend richtig.

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