Über die Hälfte seines Zuwachses verdankt der Dax dem Handel vor freien Tagen
Vor Feiertagen winkt an der Börse das meiste Geld

Vergessen Sie für einen Augenblick herkömmliche Anlagestrategien wie Fundamental- oder Chartanalyse und die Suche nach preiswerten Aktien. Gewinne macht man anders.

DÜSSELDORF Genauer gesagt an ganz bestimmten Tagen: den Vor-Feiertags-Tagen. Heute, Gründonnerstag, ist wieder so ein lukrativer Handelstag. Berechnungen zeigen: Die Börsen entwickeln sich überdurchschnittlich. Statistisch betrachtet.

Die Profitabilität ist verblüffend. Für den Zeitraum von 30 Jahren, den mathematisch versierte Analysten der WestLB untersucht haben, zeigt sich, dass Anleger an nur 5,8 Prozent aller Handelstage – nämlich an den gut 300 Vorfeiertags-Tagen – knapp 38 Prozent des Gesamtgewinns im Deutschen Aktienindex (Dax) erzielten. Die Rendite lag bei durchschnittlich 0,27 Prozent pro Tag und übertraf damit die normale Tagesrendite um das elffache. Der Effekt hat sich in den vergangenen Jahren sogar noch verstärkt. Seit 1994 entfielen 63 Prozent der Dax-Performance nur auf die wenigen Vorfeiertage. Alle Aktien sind betroffen: am stärksten die Commerzbank mit einer 29-fachen Rendite gegenüber normalen Tagen.

Wer überzeugt ist, geht eine Eintagesposition im Dax ein: mit einem Zertifikat, um eins zu eins an der Wertentwicklung zu partizipieren, oder einem Optionsschein bzw. Turbo-Zertifikat. Damit fallen Gewinne, aber auch mögliche Verluste übermäßig stark aus. Am besten fahren Anleger übrigens mit dem letzten Handelstag vor Weihnachten. Sehr gut schneiden aber auch Allerheiligen, Silvester und der diesmal am 5. Mai anstehende Himmelfahrtstag ab.

Der unmittelbar nahende Karfreitag bietet mit gut 0,5 Prozent zwar nur eine mäßige Performance, aber immer noch fast doppelt so viel wie an den übrigen untersuchten 7 891 Handelstagen, an denen es durchschnittlich nur 0,27 Prozent zu gewinnen gab. Unrühmliche Ausnahmen gibt es nur zwei: Fronleichnam (vielleicht, weil ihn nur katholisch geprägte Bundesländer haben) und der 3. Oktober. Daran, dass der Einheitstag noch relativ jung ist, kann es kaum liegen. Schließlich verstärkte sich der Effekt ja im Laufe der Jahre. Da kommt wohl eher zum Tragen, dass es inmitten der Asienkrise 1998 mit Minus 6,25 Prozent einen ganz dicken Ausreißer gab.

Mit Erklärungen tun sich Experten schwer. So könnte man auf den Gedanken kommen, dass Anleger in freudiger Erwartung freier Tage an der Börse risiko- und ausgabefreudiger sind. Das erklärt zumindest die Spitzenposition des Vorweihnachts-Handelstages, nicht aber den verhältnismäßig schwachen Gründonnerstag. Befriedigend sind bislang keine Erklärungsansätze.

Etwas Aufschluss bietet der längst bekannte Wochentags-Effekt. Zwar konnte auch hier bis heute nie schlüssig begründet werden, warum die Kurse mit Fortschreiten der Woche immer stärker steigen. Nur Montags erleiden Anleger – statistisch gesehen – mit 0,08 Prozent ein kleines Minus. Freitags gibt es mit 0,09 Prozent das größte Plus. Doch auffällig ist, dass es den Effekt in jüngster Zeit gar nicht mehr gibt, ja, dass er sich sogar umgekehrt hat! In den vergangenen zehn Jahren erwies sich ausgerechnet der Montag als stärkster Wochentag.

Und jetzt beginnt sich der Kreis zu schließen. Die Umkehrung erklärt sich vermutlich mit der Selbstzerstörung durch das Bekanntwerden des Effekts. Ursache sind Arbitrageure und Hedge-Fonds. Sie nutzen Kursunterschiede an verschiedenen Börsenplätzen und gleichen sie damit – gewinnbringend – aus, spezialisieren sich aber auch auf viele andere Anomalien an den Finanzmärkten.

Ähnlich wie dem alten, aber inzwischen leider ganz durcheinander gekommenen Wochentags-Effekt droht es deshalb auch den lukrativen Vorfeiertagen zu ergehen: Das Bekanntwerden der tollen Performance an Gründonnerstag und Co reicht aus, um aus gewinnträchtiger Vorfeiertagslaune schon bald einen Vorfeiertagskater werden zu lassen.

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