Übernahmegerüchte stützen den Kurs von Beiersdorf
Die Macht der Spekulation

Ob Henkel, Unilever oder L’Oréal – es gibt wohl kaum ein Unternehmen der Branche, dem noch kein gesteigertes Interesse an Beiersdorf nachgesagt wurde. Diese Übernahmegerüchte sind es, die den Kurs von Beiersdorf stützen.

DÜSSELDORF. Über mangelnde Medien-Präsenz kann sich der Hamburger Beiersdorf-Konzern nicht beklagen. Monatelang wurde die Aktie des Kosmetikherstellers als Kandidat für den Deutschen Aktienindex gehandelt – zu Unrecht, wie sich im August zeigte. Daneben ranken sich seit mittlerweile zwei Jahren immer wieder Übernahmegerüchte um Beiersdorf. Die Allianz – so wird kolportiert – will sich bis Jahresende endgültig von ihrem 44-Prozent-Anteil an Beiersdorf trennen.

Ob Henkel, Unilever oder L’Oréal – es gibt wohl kaum ein Unternehmen der Branche, dem noch kein gesteigertes Interesse an Beiersdorf nachgesagt wurde. Inzwischen geht die herrschende Meinung aber davon aus, dass der US-Konsumgüterriese Procter & Gamble (P&G) nicht nur die größte Sehnsucht nach Beiersdorf, sondern auch die besten Chancen hat, in dem Poker den Zuschlag zu erhalten. Doch auch die Besitzer des Mischkonzerns Tchibo, die Hamburger Herz-Familie, lecken sich die Finger nach der Mehrheit an dem Nachbar-Unternehmen. Ob sie allerdings über das nötige Kleingeld für einen Kauf des Allianz-Anteils verfügt, stellen Beobachter in Frage.

Das große Interesse an Beiersdorf kommt nicht von ungefähr. Das Unternehmen ist nicht nur die „Perle der Hamburger Industrie“, wie ein Lokalpolitiker der Hansestadt jüngst äußerte, sondern auch eine Perle der Branche. Die Konzentration auf wenige, dafür aber umso stärkere Marken, hat dem Konzern in den vergangenen Jahren stets Rekordergebnisse eingebracht. Die Nivea-Produkte, mit der Beiersdorf mehr als die Hälfte seines Jahresumsatzes erzielt, sind in Deutschland und in vielen Ländern weltweit unumstrittener Marktführer. Daneben steht der Konzern auch mit anderen Produkten wie Labello, Tesa oder 8x4 vielerorts auf Platz 1.

Für potenzielle Käufer ist vor allem das starke Auslandsgeschäft von Beiersdorf interessant. Mit seinen Produkten ist der Konzern in mehr als 70 Ländern vertreten und generiert mehr als zwei Drittel seiner Umsätze im Ausland. In den vergangenen Jahren, die in der Heimat durch starke Kaufzurückhaltung der Verbraucher geprägt waren, sprang das Auslandsgeschäft bei Beiersdorf als wesentlicher Wachstumsträger ein.

In diesem Jahr zeigen sich aber erste Bremsspuren in der Konzernbilanz. Der hohe Wechselkurs des Euro zum US-Dollar lastete auch auf Beiersdorf. Zur Mitte des Geschäftsjahres musste Vorstandschef Rolf Kunisch den Aktionären unterbreiten, dass die Geschäfte stagnieren. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag nach sechs Monaten auf dem Vorjahreswert von 260 Millionen Euro, der Umsatz ging gar um 2,1 Prozent auf 2,41 Milliarden Euro zurück. Der Beiersdorf-Vorstand reduzierte daraufhin seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 4,7 von 4,9 Milliarden Euro.

Der Schwenk auf eine „bewusst vorsichtige Prognose“ (Beiersdorf- Sprecher Peter Nebel) nahm den Aktienkäufern vorübergehend die Lust an den Beiersdorf-Papieren. Von einem vorübergehenden Hoch bei 117,65 Euro Ende Juli fiel der Kurs bis auf 105,56 Euro und fand erst Halt, als – Sie ahnen es bereits – erneut das Übernahmethema auf den Tisch kam. Zuvor hatte die Hamburger Herz-Familie, die hinter Tchibo steht, ihre familieninternen Streitigkeiten gelöst. Für viel Geld trennten sich Daniela und Günter Herz von ihren Tchibo-Anteilen – gerade der Letztere galt aber unter Beobachtern immer als beherzter Verfechter des Beiersdorf-Engagements.

Den Gerüchten, Tchibo sei jetzt bereit, sich von seinen Beiersdorf- Anteilen zu trennen, ist der Konzern aber entschieden entgegen getreten. Eine baldige Lösung der Eigentümer-Frage ist somit weiter unwahrscheinlich. Beiersdorf-Chef Kunisch, der die andauernde Unsicherheit schon mehrfach öffentlich beklagt hat, und seine Aktionäre müssen sich also bis auf weiteres in Geduld üben.

Damit stellt sich aber die Frage, ob die hohe Prämie, die an der Börse für Beiersdorf gezahlt wird, gerechtfertigt ist. Gestern notierte der Kurs bei 115 Euro. Auf Basis der erwarteten Gewinne entspricht das einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von mehr als 30. Angesichts der schwächeren Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr scheint dieses überzogen. Auch werden wichtigen Konkurrenten wie L’Oreal, Unilever oder Procter & Gamble deutlich niedrigere KGV zugestanden. Fundamental erscheint ein Kauf von Beiersdorf daher zurzeit wenig attraktiv. Nur wer auf eine baldige Übernahme spekuliert, sollte über ein Engagement nachdenken: Als Übernahmepreis werden in Branchenkreisen immerhin bis zu 140 Euro je Aktie genannt.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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