Umsatzrückgang und sinkender Nettogewinn
Harte Zeiten für Gerry Weber

Lange Kundenschlangen garantieren noch keine Ergebnis- und Kurszuwächse. Das bekommt auch Gerry Weber zu spüren.

FRANKFURT. Sie haben sich frei genommen, um ganz in Ruhe auf Schnäppchenjagd nach Sommerkleidern zu gehen – und balgen sich dennoch mit vielen Kundinnen am Wühltisch. Vor den Umkleidekabinen bilden sich lange Warteschlangen. Am Freitagabend oder Samstag gibt es ohnehin Handgemenge. Und die Modehersteller sollen unter „Konsumzurückhaltung“ leiden?

Auch als Gerry Weber International Ende letzter Woche einen Gewinnrückgang für das erste Halbjahr meldete, wurde wieder einmal auf die schwache Nachfrage verwiesen. Des Rätsels Lösung ist: Auch wenn sich die Kunden auf die Füße treten, heißt das noch lange nicht, dass sie am Schluss viel einkaufen. In der Rezession überlegen es sich die Verbraucher dreimal, bevor sie ihr Geld ausgeben – und probieren mehr Kleider an, als sie kaufen. Das bekommen auch Anbieter im mittleren Preissegment wie der westfälische Hersteller von Damenbekleidung zu spüren.

Abgesehen davon resultierte der Umsatzrückgang und damit verbundene niedrigere Nettogewinn zum Großteil aus der Rücknahme der Marke „Yomanis“. Vieles spricht dafür, dass die Einführung der höherpreisigen Marke 2001 ein Fehler war: An neue Marken gewöhnt sich der Markt derzeit schwer, „Yomanis“ dürften die wenigsten Kundinnen mit „Gerry Weber“ verbinden, und in wirtschaftlich schweren Zeiten greifen viele nicht ausgerechnet nach höherpreisiger Bekleidung. Insofern ist es vernünftig, die Marke vom Markt zu nehmen. Generell hat das Unternehmen jetzt die richtige Richtung in der Marketingstrategie eingeschlagen, will es doch seine Marken stärker der Dachmarke angliedern. Das zeigt sich etwa bei seiner Sportkollektion – zuvor „Court One“ –, die in der Frühjahr-/Sommersaison 2004 unter dem Label „Gerry Weber Sports“ angeboten werden soll.

Zudem hat Gerry Weber eigenen Angaben nach sein bereits im Vorjahr eingeleitetes Restrukturierungsprogramm „weitgehend umgesetzt“. Die Gesellschaft will „dank eines strikten Sparkurses“ wieder zu ihrer alten Umsatzstärke zurückfinden; dazu sollte auch die Sportkollektion beitragen.

Doch es ist zu befürchten, dass das Unternehmen weiter unter der schwachen Nachfrage leiden wird – was auf Ergebnis und Aktienkurs durchschlagen dürfte. Kritisch ist dabei auch zu sehen, dass die Gesellschaft stark in eigene Shops investiert und sich damit verstärkt das Risiko sinkender Kundennachfrage aufhalst, auch wenn sie höhere Margen auf Grund der vereinnahmten Handelsspannen kassieren kann.

Daher überrascht es nicht, dass viele Analysten derzeit für Gerry Weber skeptisch gestimmt sind, auch wenn der Titel mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von acht recht niedrig bewertet ist: 50 Prozent der Experten raten zum Verkauf, 12,50 Prozent zum Halten, nur 37,50 Prozent zum Kauf. Einige sind von den jüngsten Zahlen enttäuscht, etwa WestLB-Panmure-Analyst Michael Winkler, der bei der Aktie mit einer Performance unter dem Marktdurchnitt rechnet, und HSBC-Trinkaus-Analyst Nils Lesser, der „Reduzieren“ empfiehlt. Lesser weiß aber auch, wann es sich wieder lohnen könnte, bei Gerry Weber genauer hinzuschauen: Im September kommen neue Zahlen zum Auftragseingang heraus, die vielleicht positive Impulse bieten könnten.

Eines muss man Gerry Weber jedoch lassen: Die Dividendenrendite ist mit über sechs Prozent hoch. Das könnte für Anleger, die den Titel bereits besitzen, ein Argument zum Halten sein. Zukaufen ist angesichts der trüben Aussichten für den Aktienkurs aktuell aber nicht sinnvoll.

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