Verborgene Chancen
Gewinne winken dort, wo man es nicht erwartet

Wer trifft häufiger falsche Entscheidungen: Mediziner, Meteorologen oder Marktmacher und Anleger? Die Antwort ist eindeutig: Die Vertreter der letzten Gruppe liegen mit ihren Diagnosen und Prognosen am häufigsten daneben.

FRANKFURT/M. Ärzte und Wetterdeuter haben ihre Techniken fortlaufend verbessert und minimieren ihre Fehlerquoten. Die Mehrheit der Anleger dagegen kann keine Fortschritte machen. Sie wird immer schief liegen. Die gute Nachricht ist: Der Einzelne kann sich von der Mehrheit abkoppeln – auch wenn das eine mühsame und anstrengende Arbeit ist.

Mühsam ist das Eintauchen in die paradoxe Börsenwelt, weil sie den Erfahrungen des Alltagslebens zuwiderläuft. Größte Chancen scheinen bei euphorischer Stimmung zu locken, die in der Regel allerdings das Ende eines fulminanten Booms signalisiert. Steigende Börsenkurse verlangen zunehmende Nachfrage nach einem Wertpapier. Es müssen sich also im Zeitablauf immer mehr Anleger für den Titel begeistern. Das klappt umso besser, je schlechter die Stimmung am Anfang ist, je weniger Börsianer demnach anfangs engagiert sind.

Leider nimmt die Mehrheit auch den Beginn eines Aufschwunges völlig anders wahr. Das allgemeine Interesse an einem Papier, an Titeln aus einem Land oder einer ganzen Vermögensform liegt bei Null. Kaum jemand ist engagiert. Es wird kaum berichtet, denn die Medien sind ebenfalls wenig interessiert – das Leserinteresse wäre gering. Aber genau hier, an diesem Punkt geringster Aufmerksamkeit müssten die Anleger einsteigen, wollten sie ihre Chancen in vollem Umfang nutzen.

Diese „schiefe“ Wahrnehmung ist eng an die Verbreitung von Informationen im Markt gekoppelt. Vor über 30 Jahren entwickelte Everett Rogers von der Universität Stanford eine dazu passende Theorie. Seiner Meinung nach wird eine neue Idee, etwa die Vorstellung einer kugelförmigen Erde oder in neuerer Zeit des Internets als Zukunftsmedium, zunächst nur von wenigen Pionieren vertreten.

Everett spricht von etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung. Im Zeitablauf überzeugen diese „innovativen Denker“ die rund 13,5 Prozent der Bevölkerung ausmachende Gruppe der „Meinungsmacher“ von ihrer Idee. Nach diesem Schema folgt zunächst die „frühe Mehrheit“, der sich die „späte Mehrheit“ anschließt. Im letzten Stadium stoßen die „Nachzügler“ dazu. Dann hat die Ursprungsidee ihre maximale Verbreitung gefunden. Jetzt ist jeder Anleger informiert, überzeugt und investiert, der Zyklus ist beendet.

Das frühe Erkennen von Trends ist gefragt, noch bevor sie ins allgemeine Bewusstsein gedrungen sind, und wenn die Stimmung miserabel ist. So galt es Anfang der achtziger Jahre, Aktien und Anleihen zu kaufen und den Japan-Aufschwung nicht zu verpassen. Die rund zwei Dekaden währende Wertpapierhausse bescherte außerordentliche Gewinne. In den neunziger Jahren kamen noch die Kursexplosionen bei Technologieaktien hinzu. Man durfte nur den rechtzeitigen Ausstieg nicht verpassen.

Heute scheint die Welt komplizierter – wie immer, wenn der Blick nach vorne gerichtet ist. Das größte Fragezeichen steht hinter der Jahrhunderthausse an den Anleihemärkten, die gewaltige Mengen an Anlegerkapital aufgesogen hat. Jetzt schnellen die Inflationsraten nach oben, so dass zum ersten Mal seit vielen Jahren eine beachtliche Chance auf eine Trendwende besteht, die den Run auf Bonds beenden könnte.

Der Preisaufschwung der Rohstoffe hat zwar schon einige Jahre auf dem Buckel. Aber er ist noch in einer frühen Phase, da die meisten der wichtigen großen Investoren kaum engagiert sind und den Trend noch nicht realisiert haben. Das dürfte sich ändern. Für ganz Mutige bieten sich außerdem Chancen in noch unentdeckten Teilen der Welt, die sich teilweise erst im Vorstadium der Schwellenbörsen befinden – eine Chance für die „innovativen“ 3,5 Prozent der Bevölkerung.

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