Wachstumspotenzial von Google ist gering
Strategiedefizit

Zuerst die Euphorie, dann die Enttäuschung und schließlich eine positive Überraschung: Der Börsengang des weltweit führenden Internet-Suchdienstes Google ist bislang für Anleger wie Börsen eine Achterbahnfahrt der Kurse – und Emotionen.

PORTLAND. Wenn Google am 21. Oktober zum ersten Mal als börsennotierte Gesellschaft ihre Quartalsergebnisse bekannt gibt, sind weitere heftige Kursreaktionen zu erwarten.

Euphoriker sahen ursprünglich in Googles Erstemission den Beginn eines neuen High-Tech-Booms. Die Spanne für den Ausgabekurs von 108 bis 135 Dollar, die das Unternehmen Ende Juli bekannt gab, wirkte wie eine kalte Dusche. Ein Marktwert von 35 Mrd. Dollar, höher als der von General Motors, rief Zweifler auf den Plan. Die Folge: Die Emission schrammte nur knapp an einem Fiasko vorbei. Dann wurde der Ausgabekurs auf 85 Dollar gesenkt und Googles Risikokapitalgeber hielten beabsichtigte Verkäufe zurück, um den Markt nicht zu überladen. Dafür ließen andere Finanziers der ersten Stunde den Wert fallen wie eine heiße Kartoffel. Yahoo verkaufte im August zum Beispiel 2,3 Mill. Anteile für 82,61 Dollar das Stück. Time Warner-Tochter AOL gab sich für gut 1,4 Mill. Aktien mit dem Ausgabekurs von 85 Dollar zufrieden.

Das mögen sie heute bedauern, denn seit Anfang September geht es mit der Google-Notierung steil bergauf. Obwohl der angesehene Analyst Youssef Squali von Jefferies & Co. den Wert am Montag von Kaufen auf Halten abstufte, kletterte der Kurs am Mittwoch auf 138 Dollar.

Hinter dem unerwarteten Kursanstieg stehen einerseits massive Käufe von Investmentfonds, die davon ausgehen, dass Google in wichtige Marktindizes aufgenommen wird. Andererseits ist die Zahl umlaufender Papiere immer noch gering. Im ersten Anlauf kamen weniger als ein Zehntel von insgesamt rund 270 Mill. Stämmen an den Markt. Mittlerweile liefen einige Verkaufsverbote für Insider aus und der freie Umlauf wird derzeit auf gut 30 Mill. Anteile geschätzt. Im Schnitt werden täglich mehr als fünf Mill. Google-Stämme umgesetzt. Während der Markt die ersten Verkaufswellen locker verdaute, fürchten Börsengurus Druck auf den Kurs, wenn im November weitere Insider die Erlaubnis erhalten, Millionen von Aktien zu verkaufen.

Hinzu kommt die Sorge, dass Google mit ihrem Geschäftsmodell gegen die Wand laufen könnte. Die Internet-Suchmaschine verdient ihr Geld mit Werbung, die zusammen mit Suchergebnissen erscheint. Nach steilem Wachstum in den vergangenen Jahren sehen Analysten aber künftig größeres Wachstumspotenzial bei Produkt- und Imagewerbung auf dem Internet, wofür Konkurrent Yahoo besser positioniert ist.

Mit einem Marktanteil bei Internet-Suchen von fast 40 Prozent hat Google eine solide Basis, aber ohne hohe Wachstumsraten ist das gegenwärtige Kurs/Gewinn-Verhältnis von 190 nicht zu halten, sagen Analysten. Google bietet deshalb schon eine ganze Reihe von Diensten, von freier E-Mail bis zur Fotoverwaltung online – aber es fehlt der Überbau. Um zu wachsen, muss Google mehr Platz auf Computerbildschirmen besetzen. Kurzum, der Suchdienst müsse zu einem Internet-Portal wie Yahoo mit einem eigenen Browser nach dem Muster von Microsofts Internet Explorer mutieren, sagt Mark Mahaney von American Technology Research.

Doch das ist schwieriger, als mit eigener Technologie einen neuen Markt zu schaffen. Yahoo ist als Portal fest etabliert und verbessert laufend die Suchtechnologie. Netscape-Killer Explorer eroberte als Teil des Betriebssystems Windows neun von zehn Personalcomputern und Microsoft arbeitet mit Hochdruck an einer eigenen Suchmaschine. Die Google-Aktie bleibt damit ein hochspekulativer Wert.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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