Warnendes Beispiel
Bertelsmann schürt Gewinnphantasie

Bertelsmann an der Börse – allein die Hoffnung auf das IPO (Initial Public Offering) von Europas größtem Medienkonzern schürt bei manchen Aktienanleger Gewinnphantasie. 4,5 Mrd. Euro lässt es sich die Familie Mohn kosten, um den 25,1-prozentigen Anteil des belgischen Investors Albert Frère zurückzukaufen und somit das IPO zu vereiteln. Für die Börsianer ist der Rückkauf der Bertelsmann-Anteile ein schwerer Schlag.

DÜSSELDORF. Seit Tagen verunsichern Zinsängste und Inflationssorgen die Märkte. Der Dax, der noch vor rund drei Wochen die 6100- Punkte-Markte knackte, taumelt. Ein großer, solider Börsenkandidat hätte für neue,positive Impulse gesorgt, sagen einige. Doch andersherum wird ein Schuh draus: Das Abblasen des Börsengangs sollte ein Warnsignal sein. Zwar sehen die Zahlen für das IPO-Jahr 2006 auf dem ersten Blick gar nicht mal schlecht aus. Rund 30 Unternehmen haben bisher den Schritt an die Börse gewagt – deutlich mehr als noch im vergangenen Jahr.

Masse ist aber nicht gleich Klasse. So erlebten etwa die Aktionäre des Herstellers von Nahrungsergänzungsmittel Neosino schon in den ersten Monaten des laufenden Jahres eine von Skandalen angetriebene Berg- und Talfahrt, die an die Zeiten des untergehenden Neuen Markts erinnerten. Auch Air Berlin hat sich an den ersten Tagen auf dem Parkett wohl mehr Feinde als Freunde gemacht. Zwar hatte das Unternehmen auf Druck der Investoren den Ausgabepreis von ursprünglich 17,50 auf zwölf Euro gesenkt. Dennoch fiel das Papier am ersten Handelstag unter diesen Wert und dümpelt inzwischen bei rund zehn Euro vor sich hin.

Die Anleger sind nach diesen Enttäuschungen vorsichtig geworden. Offiziell hat die Mohn-Familie – nachdem Frère angekündigt hatte, dass er seinen Anteil an Bertelsmann versilbern will – die Börsenpläne nur begraben, um die Unabhängigkeit des Unternehmens zu sichern. Das klingt zwar stimmig, ist aber wohl nicht das wahre Motiv. Sonst hätte Bertelsmann vor fünf Jahren beim Kauf des RTL-Anteils von Frère diesem nicht die Option des Börsengangs zugestanden. Anscheinend ist ein IPO aber momentan nicht zu jedem Preis machbar. Hohe Einnahmen hätten sonst vielleicht auch die Bertelsmänner umgestimmt.

Für Anleger ist diese Begründung eine Überlegung wert. Denn wenn Unternehmenseigner wie die Mohns lieber 4,5 Mrd. Euro zahlen, anstatt an die Börse zu gehen, sollten das Investoren zu denken geben. Denn Firmen, die jetzt auf das Parkett springen, suchen vielleicht häufig eher das schnelle Geld anstatt finanzielle Mittel für eine langfristige Expansion. Ein Indiz dafür ist, dass bei manch einem der jüngsten Börsengänge nur ein Bruchteil der Einnahmen in der Unternehmenskasse landete, der Rest in die Taschen der Alteigentümer. Anleger sollten daher genau hinschauen bei Neuemissionen. Bessere Zeiten kommen bestimmt – vielleicht auch für Bertelsmann.

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