Warum Anleger jetzt US-Staatsanleihen kaufen sollten
Das Ende des Zyklus

US-Staatsanleihen gelten derzeit als die schlechteste Geldanlage überhaupt. Darüber sind sich die Volkswirte und Anlagestrategen an der Wall Street so einig wie selten. Doch gerade das macht die sonst langweiligen Festzins-Papiere spannend.

NEW YORK. Sicher, vieles spricht gegen US-Staatsanleihen. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat den Leitzins auf 2,75 Prozent erhöht und dreht weiter an der Zinsschraube. Steigende Leitzinsen bedeuten meist fallende Kurse für Anleihen, deren Kurs sich gegenläufig zur Rendite bewegt. Zudem stieg in den USA zuletzt die Inflation, was An-leihen entwertet.

Trotzdem - oder gerade deshalb - setzt Robert Kessler, Chef des Anleihehauses The Kessler Companies in Denver, auf US-Bonds. "Manche halten mich für verrückt", sagt Kessler. Aber in Situationen wie jetzt winken oft die höchsten Gewinne bei Staatsanleihen." Kessler sorgt sich nicht darum, dass die steigende Inflation den Realwert seiner Bonds auffrisst. "Wenn jeder - besonders die Notenbank - sich darum Sorgen macht, kann man sicher sein, dass die Inflation nicht außer Kontrolle gerät", sagt Kessler, der Anleiheportfolios für Großkunden und reiche Privatanleger verwaltet.

Auch die steigenden Leitzinsen schrecken Kessler nicht. Nach sieben Zinserhöhungen in rund neun Monaten werde Fed-Chef Alan Greenspan bald eine Pause einlegen, prophezeit er. "In der Regel dauert ein Zinserhöhungszyklus zehn bis zwölf Monate, selten länger", hat Kessler nachgerechnet.

Zwar redet noch niemand darüber, aber früher oder später muss Greenspan den Fuß von der Zinsbremse nehmen. Und dann dürften lang laufende US-Staatsanleihen zu einer Kursrally ansetzen. Kessler hat nachgerechnet: Wer zehnjährige US-Treasuries drei Monate vor der Zinswende kaufte, erzielte damit in früheren Fällen 17,75 Prozent absoluten Wertzuwachs über die nächsten zwölf Monate.

17,75 Prozent mit absolut sicheren Staatsanleihen - das klingt verlockend. Aber halt. Erwarten nicht viele Volkswirte, dass die US-Leitzinsen bis zum Jahresende auf dreieinhalb bis vier Prozent steigen? Und sollten dann zehnjährige US-Staatsanleihen, die momentan mit 4,48 Prozent rentieren, nicht eher fallen als steigen? Stimmt. Doch erfahrungsgemäß neigen selbst die besten Bankexperten dazu, Trends zu weit fortzuschreiben. Den exakten Zeitpunkt einer Trendwende vermag kaum jemand vorher zu sagen. Deshalb werden nur Glückspilze den optimalen Einstiegszeitpunkt für US-Staatsanleihen finden. Und die historische Erfahrung legt nahe, dass die US-Leitzinserhöhungen schneller enden als erwartet.

Für eine baldige Zinswende spricht auch, dass die amerikanische Wirtschaft stärker als früher von niedrigen Zinsen abhängt. Die US-Verbraucher, die zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage stellen, haben enorme Schuldenberge angehäuft. Viele Haushalte nehmen immer höhere Kredite auf ihre Häuser auf. Steigende Zinsen bedeuten für Millionen Amerikaner höhere Kreditkosten - und das heißt weniger Geld im Portemonnaie. Kein Wunder, dass die jüngsten Umsatzzahlen zum US-Einzelhandel enttäuschend ausfielen. Und auch beim Autokauf hielten die Amerikaner sich zuletzt zurück. Wie genau die US-Verbraucher auf weitere Leitzinserhöhungen reagieren, weiß niemand. Fest steht nur: Fed-Chef Greenspan muss äußerst vorsichtig vorgehen, will er die konsumgetriebene US-Wirtschaft nicht durch zu hohe Zinsen abwürgen.

Nur selten enden Zinserhöhungszyklen völlig reibungslos. Oft schwanken die Finanzmärkte monatelang zwischen dem Szenario eines überstarken Wachstums (mit der Gefahr steigender Inflation) und einem zu starken Dämpfer (mit dem Risiko eines Konjunktureinbruchs). Solche Stimmungswechsel lassen die Kurse von Staatsanleihen mal in die eine, mal in die andere Richtung heftig ausschlagen. Doch am Ende dürften Anleger, die bereits in den USA investiert sind, mit sicheren Staatsanleihen besser fahren als mit Aktien.

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