Warum die Argumente für den Aktienkauf nicht stimmen
Ungesunder Optimismus

An der Wall Street ist die Sommerpause vorbei. Aktienhändler bedrängen ihre Kunden wieder mit heißen Kauftipps. Analysten und Marktstrategen verstopfen die E-Mail-Fächer mit ihren Empfehlungen. Und viele Investoren greifen gerne zu: Seit Mitte August kletterten die US-Börsen kräftig – trotz jüngster Rückschläge.

NEW YORK. So könnten eigentlich alle zufrieden sein – wenn denn die Argumente für den Aktienkauf stimmten. Nur leider steht der Optimismus vieler Marktteilnehmer auf zwei wackligen Beinen: Zum einen zitieren die Bankexperten gerne das so genannte Fed-Modell, das derzeit eine Unterbewertung des breiten US-Aktienmarktes von bis zu 40 Prozent signalisiert. Doch das Modell birgt mehrere theoretische und praktische Fallstricke. Zum anderen verlassen sich zu viele Investoren auf die Gewinnschätzungen der Analysten. Diese könnten sich bald als zu optimistisch erweisen.

Laut Smith Barney, der Researchsparte des US-Bankriesen Citigroup, erwarten die Investoren für das vierte Quartal einen Gewinnsprung von durchschnittlich 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr für die Aktien im breiten US-Index S&P 500. Ein Frühindikator von Smith Barney deutet dagegen auf viel kleinere Ertragszuwächse hin. Immerhin lief bereits das vierte Quartal 2003 recht gut für die US-Unternehmen, was weitere Steigerungen im zweistelligen Prozentbereich schwierig macht.

Dresdner Kleinwort Wasserstein, die Tochter des Versicherers Allianz, erwartet, dass die Analysten in den nächsten Wochen ihre Gewinnprognosen für US-Firmen zusammen streichen. Das würde Anleger enttäuschen, die heute im Vertrauen auf sprudelnde Firmenerträge in Aktien investieren. Für das nächste Jahr erwarten die Analysten ohnehin, dass das Ertragswachstum abflacht. Von der Gewinndynamik sollten Investoren daher keinen Rückenwind für die Aktienkurse erwarten.

Macht nichts, kontern die Optimisten. Denn Aktien sind auch ohne weitere Gewinnsprünge billig. Stimmt, wenn man das so genannte Fed-Modell als Bewertungsmaßstab akzeptiert. Dieses Modell, das die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in den 90er Jahren entwickelte, vergleicht die Anleiherenditen mit der Gewinnrendite von Aktien (Kehrwert des Kurs-Gewinn- Verhältnisses). Die Logik dahinter: Der Gewinn eines Unternehmens ähnelt aus Investorensicht der Verzinsung einer Anleihe. Beide stellen einen Ertrag auf das eingesetzte Kapital dar. Bringen Aktien relativ zum Kaufpreis höhere Erträge als Anleihen, dann gelten sie nach dem Fed-Modell als günstig.

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