Warum ein Indexabstieg häufig Aktien beflügelt
Die zweite Chance

"Versteh einer die Börse“ wird es nun wieder von denjenigen kommen, denen das Thema Aktie schon immer suspekt war: Sind doch die Papiere des Heidelberger Finanzdienstleisters MLP seit dem 19. August – an diesem Tag wurde deren Abstieg aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) beschlossen – um rund 30 % gestiegen.

FRANKFURT/M. Erst gestern gehörte die Aktie zu den Tagesgewinnern im Dax. Aufsteiger Continental hingegen, der MLP ab dem kommenden Montag ersetzen wird, konnte seinen Kurs seit dem 19. August gerade einmal halten. Hat Continental durch den Dax-Aufstieg, da am Aktienolymp angekommen, jegliches Potenzial verloren, MLP hingegen durch ein „weniger ist mehr“ neue Phantasie entfacht?

So einfach ist die Angelegenheit nicht, wenn auch ähnliche Phänomene immer wieder in der Vergangenheit zu beobachten waren. Sobald ein Unternehmen wie Continental ernsthafte Chancen auf einen Indexaufstieg hat, treten die Spekulanten aufs Parkett. Die Continental-Aktie ist so von Anfang August, als die entscheidende Rangliste beste Aufstiegschancen verkündete, bis zum Tag der Entscheidung bereits um 20 % gestiegen.

Komplizierter ist der Sachverhalt bei MLP. Seit gut einem Jahr geriet die Aktie im Vorfeld der quartalsmäßigen Indexüberprüfung zum Spielball der Spekulanten. Mit schöner Regelmäßigkeit stieg der MLP-Kurs jedesmal, wenn es um die entscheidende Rangliste ging, steil nach oben, so dass dort Plätze gut gemacht wurden. So geschehen Ende Januar, April und Juli. Anfang des Folgemonats folgte mit der gleichen Regelmäßigkeit der Abstieg. Die Spekulanten taten alles mögliche dafür, die Aktie für das Auf und Ab der Deutschen Börse herauszuputzen.

Nun alles anders: MLP fällt aus dem Dax, deshalb stehen statt Spekulationen um den Index-Abstieg wieder Aspekte wie Unternehmenszahlen und Aktien-Bewertungen im Blickfeld. Dadurch hat sich das Interesse an dem Papier nicht verringert, die Klientel ist lediglich eine andere geworden. Schon gibt es Analysten, die den Abstieg als Chance betrachten.

Ähnlich sieht es eine Liga tiefer aus: Im MDax schaffte Absteiger Teleplan seit dem 19. August ein Plus von rund 24 %, Aufsteiger Comdirect verlor hingegen 7 %. Auch hier war nach dem immensen Kurszuwachs erstmal die Luft raus. Und auch im TecDax ein ähnliches Bild: Von den Aufsteigern verloren Freenet 18 % und Teles gar 24 %. Lediglich Süss Microtec tanzte aus der Reihe mit einem Plus von 7 %. Die neue Lust auf Halbleiterwerte war der Grund dafür. Noch extremer war das Bild bei den Absteigern. Plambeck und Nordex legten kaum zu, da befürchtet wird, dass Windenergie künftig von staatlicher Seite nicht mehr so gefördert wird wie bisher. Der dritte Absteiger Medigene schaffte dagegen ein Plus von 130 %. Weitere Patentrechte für den Wirkstoff Polyphenon E wurden erworben.

Das ist kein deutsches Phänomen: Auch in Großbritannien, wo am kommenden Montag Yell, der Herausgeber der dortigen Gelben Seiten, den Versorger Kelda im Aushängeschild FTSE 100 ersetzen wird, ist ähnliches festzustellen. Gut 4 % hat die Kelda-Aktie seit Bekanntgabe der Entscheidung in der vergangenen Woche zugelegt. Dass es nicht zu solch extremen Aufschlägen wie hier zu Lande kommt, liegt unter anderem daran, dass es in Großbritannien mit der Marktkapitalisierung nur ein hartes Kriterium für die Entscheidung über Auf oder Ab gibt. Mit hohen Börsenumsätzen, wie sie hier als zweites Kriterium herangezogen werden, kann die Rangliste auf der Insel nicht beeinflusst werden.

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