Warum viele Analysten den Vergleich scheuen
Verhasste Hitlisten

Anleger lieben sie, Analysten hassen sie – die Hitlisten, welcher Analyst die treffendsten Prognosen gestellt hat. Das wurde wieder bei einer Veranstaltung des deutschen Analystenverbandes DVFA deutlich. Denn der Verband stellte ein neues System vor, Analystenempfehlungen zu beurteilen. Markus Plümer, Leiter Aktienresearch der WestLB und DVFA-Vorstandsmitglied, unterstrich, dass sich das System „nicht auf die oberflächliche Betrachtung von Kursprognosen beschränkt“. Es erfasse das ganze Mandat eines Analysten. So wird etwa verfolgt, wie sich das Portfolio nach einer Kaufempfehlung verändert, indem der Cashbestand rechnerisch um den Kaufpreis der Aktie gemindert, also der Kauf simuliert wird; dann lässt sich der „Mehrwert“ der aktiven Strategie gegenüber dem Index messen.

So weit, so gut. Doch Plümer geht wesentlich weiter: Für ihn – wie für einige andere seiner Zunft – ist die Beurteilung eines Analysten anhand der Kursentwicklung der empfohlenen Aktie ungenügend. Begründung: Sie mache nur einen Teil seiner Leistung aus; Plümer bezieht sich dabei auf „Sellside“-Analysten, deren Studien von der Bank an die Öffentlichkeit gegeben werden, nicht auf „Buyside-Analysten“, die intern Empfehlungen für eigene und Kundengelder aussprechen. Für Plümer ist ein guter Sellside-Analyst ein Querdenker, der Markttrends kennt und hinterfragt, über Erfolgsfaktoren und Risiken seiner Unternehmen Bescheid weiß, von den Unternehmern als sachverständiger Geschäftspartner geschätzt wird, handwerklich sauber arbeitet, prägnant schreibt und eloquent präsentiert – dann erst kommt die Performancemessung; sie sei primär ein Instrument zur internen Steuerung der Analysten, etwa bei der Vergütung.

Den Anleger wird dies in höchstes Erstaunen versetzen. Ihn interessiert in erster Linie, ob Analysen treffsicher sind und ihm ein entsprechendes Investment Gewinne beschert. Es nützt ihm nichts, wenn der Analyst zwar die Branchentrends prima einschätzen kann und mit dem Vorstandsvorsitzenden per Du ist, mit seinen Prognosen über das Unternehmen aber daneben liegt; und von Banken mit Analysten, die schief liegen, wird er sich abwenden. Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Düsseldorf meint dazu: „Manager müssen sich an der Güte ihrer Prognosen messen lassen – das gilt auch für Analysten.“ Reinhild Keitel von der Münchener Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre, pflichtet ihm bei: „Was den Wert des Analysten ausmacht, ist, dass er die Chancen einer Aktie möglichst genau einschätzt. Elegante Formulierungen sind da nur Beiwerk.“

Es ist allerdings kein Wunder, dass Hitlisten bei den Bankern auf Widerstand stoßen, setzen sie sie doch unter Wettbewerbsdruck. So manch ein Vorgesetzter wird kritisch nachfragen, warum sein Team denn nicht zu den besten gehört – das passt den Analysten natürlich nicht. Höchstens in einem Punkt kann man den Kritikern der Ranglisten Recht geben: Allzu kurzfristige Betrachtungen sind irreführend, weil eventuell Zufallstreffer einen bestimmten Analysten zum „Besten im Land“ küren. Doch da gibt es Abhilfe: Die Hitlisten sollten nicht über ein Jahr, sondern über einen längeren Zeitraum erstellt werden, etwa drei oder fünf Jahre. Ein längerer Zeitraum ist schwierig, weil allgemein eine hohe Fluktuation in der Branche herrscht.

Anleger sollten aus dem ganzen Geplänkel Folgendes lernen: Sie tun gut daran, alle Studien genau zu lesen. Dann sollten sie sich eine eigene Meinung bilden – und danach handeln.

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