Wegen der schwierigen Rolle als Vermittler zwischen Abendland und Morgenland sind einige Großanleger weiter zurückhaltend
Zypern-Frage verdeckt Erfolge der Türkei

So schlecht das Nein der griechischen Bevölkerung zur Wiedervereinigung der Mittelmeerinsel Zypern aus politischer Sicht auch sein mag: Auf türkische Finanzwerte hatte diese Entscheidung am Montag keine größeren negativen Auswirkungen.

FRANKFURT/M. Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass die türkischen Finanzmärkte vom Ausgang des von den Vereinten Nationen betriebenen Zypern-Referendums auf längere Sicht profitieren werden, wenn sich der Nebel der Unsicherheit gelichtet hat.

Bereits am Montag war in Börsenkreisen kaum mehr etwas von jener in Ankara noch bis kurzem geäußerten Sorge zu spüren, dass die griechischen Zyprer nach dem Beitritt des Inselstaates zur Europäischen Union (EU) gegen einen EU-Beitritt der Türkei votieren könnten. Die Stimmung in Finanzkreisen in Istanbul war beim Start in die neue Woche vielmehr von Zuversicht geprägt: Führende Vertreter der türkischen Finanzwelt setzen darauf, dass sich die EU – treibende Kraft hinter dem Zypern-Referendum – bei den für den Monat Dezember geplanten Gesprächen jetzt nicht mehr länger gegen einen festen Zeitpunkt für den EU-Beitritt der Türkei sperren wird. Grund: Das Ja der türkischen Zyprer zur Wiedervereinigung der geteilten Insel dürfte sowohl von der EU-Kommission in Brüssel als auch von den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten honoriert werden.

Einigen Ökonomen in Istanbul hatte es zuletzt gar nicht so recht ins Konzept gepasst, dass das Thema Zypern stärker in den Fokus der Türkei-Diskussionen rückte. Denn auf diese Weise wurden jene erstaunlichen Erfolge weitgehend verdeckt, die die Türkei in ihrem tiefgreifenden politischen und ökonomischen Reformprozess in den vergangenen Monaten erzielt hat. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat dem Land für das vergangene Halbjahr gute Arbeit und exzellente Fortschritte im Reformprozess bescheinigt. Dabei hat die Türkei selbst hoch gesteckte Erwartungen weit übertroffen. Das Land kann über die vergangenen zwölf Monate hinweg bei allen wichtigen makroökonomischen Parametern große Erfolge verbuchen.

An einigen für die Finanzmärkte wichtigen Indikatoren ist der wirtschaftspolitische Erfolg konkret messbar: Das Bruttosozialprodukt (BSP) stieg im Jahr 2003 um 5,9 % und soll 2004 weitere 5,0 % zulegen. Die Arbeitslosenquote soll den Prognosen von Ökonomen zufolge von 10,5 % auf 9,5 % sinken, und die Verbraucherpreise dürften sich von 25 % auf 12 % mehr als halbieren. Der dreimonatige Zins soll von 28 % auf 17 % fallen. Zahlen, die für Kapitalanlagen in der Türkei Optimismus versprühen. Lediglich bei der Gesamtverschuldung der öffentlichen Hand – im Jahr 2003 immerhin 96,7 % des BSP – werden erst für 2005 größere Fortschritte erwartet.

Kein Zweifel: Das Land hat mit ökonomischen und politischen Erfolgen die Aufmerksamkeit internationaler Großinvestoren auf sich gezogen. Dieses zunehmende Vertrauen wird nicht zuletzt durch stark gestiegene Kapitalzuflüsse unter Beweis gestellt. Die Folge ist eine deutliche Höherbewertung türkischer Finanzwerte. So ist der Kurs der türkischen Lira in diesem Jahr gegenüber dem US-Dollar deutlich gestiegen. An der Aktienbörse in Istanbul liegen die Kurse nach vorübergehendem Höhenflug in etwa wieder auf dem Niveau von Ende 2003 – Tendenz steigend.

Gleichwohl hegen Großinvestoren gegenüber Türkei-Anlagen weiter Bedenken. Dies ist der schwierigen Rolle zuzuschreiben, die das Land in seiner Rolle als Mittler zwischen Okzident und Orient spielt. Die zunehmende Orientierung in Richtung Westen wird sich auf längere Sicht ebenso als Pluspunkt für Türkei-Investments erweisen wie die Demographie. Denn kaum ein anderes Land in Europa kann auf eine so junge Bevölkerung bauen wie die Türkei.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%