Welt der Fragezeichen: Die trügerische Ruhe an den Finanzmärkten ist vorbei

Welt der Fragezeichen
Die trügerische Ruhe an den Finanzmärkten ist vorbei

Anleger wissen seit jeher ein Lied davon zu singen: An anlagetaktischen Fragezeichen mangelt es an der Börse eigentlich nie. Doch dieses Mal kommt es knüppeldick.
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FrankfurtHinsichtlich der Komplexität und Ereignisdichte ist diese Zeit anders als all das, was Investoren in den vergangenen vier Dekaden erlebt haben. Nur selten türmten sich so viele Fragezeichen auf wie derzeit. Dies auch, weil die Analyse der Weltwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung komplexer ist.

Zunächst hatten gierige Banker die teils erschreckende Unwissenheit der Politiker und Aufsichtsbehörden zu ihrem eigenen Vorteil genutzt und die Weltwirtschaft durch unkontrollierten Einsatz von Krediten, Kreditinstrumenten und komplexen Finanzprodukten in die ärgste Wirtschaftskrise seit etwa 80 Jahren gestürzt.

Aber Menschen sind bekanntlich einfallsreich – so auch dieses Mal. Einen raschen und schmerzarmen Ausweg aus dem ökonomischen Desaster gab es nicht – und so wurde die Problemlösung einfach kommenden Generationen aufgebürdet. Regierungen und Notenbanken „klonten“ nämlich den Faktor Kredit – also den eigentlichen Auslöser der Krise – ganz einfach um das Zigfache und brachten die Weltwirtschaft im Meer der Schulden wieder auf Kurs. Die dadurch bewirkte üppige Versorgung der Finanzmärkte mit billiger Liquidität trieb Aktien in die Höhe, was den Eindruck einer heilen Welt vermittelte.

Trügerisches Bild der Ruhe

Doch dieses Bild erhielt zuletzt tiefe Risse. Denn nach dem ökonomischen Desaster wird die Welt seit geraumer Zeit mit sich lange abzeichnenden ökologischen Problemen konfrontiert. Unzählige Naturkatastrophen sowie der nukleare Beinahe-Super-GAU in Japan sind Inhalte, die in Apokalypse-Filmen ihren festen Platz haben – einfach so zur Unterhaltung. Doch dieses Mal hat die Sache nichts mit Oberflächlichkeit à la Hollywood zu tun.

Hinzu kommt, dass die Unterdrückung der Menschenrechte auf der einen und Nahrungsmittelkrisen auf der anderen Seite innenpolitische Beben in Schwellenländern verursachen. Flüchtende Diktatoren und Bombenattacken machen die Wüstenstaaten Nordafrikas praktisch zur Kulisse für Reality-TV. Die Zeit der Ruhe an den Finanzmärkten ist vorbei. In einem solchen Umfeld haben es Kapitalnachfrager sehr schwer, das Vertrauen von Kapitalgebern zu gewinnen.

Das erkennen in diesen Tagen immer mehr Staaten, die es schwer haben, ausufernde Budgetdefizite zu finanzieren. So drängt sich die spannende Frage auf, ob Zentralbanken ihre Geldpolitik konsequent auf Preisstabilität umschalten können und ob die US-Notenbank wirklich um eine neue Runde des „Quantitative Easing“ herumkommen wird. Zweifel sind erlaubt.

rettberg@handelsblatt.com


Kommentare zu " Welt der Fragezeichen: Die trügerische Ruhe an den Finanzmärkten ist vorbei"

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  • Es ist NICHT die Komplexität, die die Analyse der Weltwirtschaft schwierig macht, sondern die mit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise offensichtlich gewordene Tatsache, dass die führenden Ökonomen mit ihren Theorien und Modellen diese Wirtschaft nicht zu erklären vermögen. Dieses Theorie- und Modelldefizit besteht nach wie vor. Nichts wurde in diesem Punkt erreicht. Im Gegenteil versuchen die Ökonomen nun erneut, uns die Realität mit ihren gescheiterten Theorien zu erklären.

    Das kann natürlich nicht funktionieren - die Natur- und nukleare Katastrophe in Japan wirkt hier lediglich als Katalysator, der uns die nach wie vor gegebene latent hohe Instabilität der Finanzmärkte wie auch der globalen Wirtschaft bewusst werden lässt. Auch daran hat sich seit der Lehman-Pleite nichts geändert. Die Politik hat mit Rettungsmaßnahmen und Konjunktur-Billionen ein Experiment gestartet, dessen Ausgang nur noch nicht klar erkennbar geworden ist. Zu mehr waren sie auch nicht in der Lage, angesichts des Totalversagens der Ökonomen.

    Es ist also völlig richtig, wenn Sie sagen, Notenbanken und Politiker hätten mit der Flutung der Märkte mit Geld lediglich den Schein einer heilen Welt geschaffen. Tatsächlich ist die Lage heute schlechter und risikoreicher als im Herbst 2008 (Lehman-Pleite)! Darauf hat jüngst erst wieder der IWF in erfreulicher Deutlichkeit hingewiesen (siehe: http://www.imf.org/external/pubs/ft/sdn/2011/sdn1105.pdf).

    Insofern sind die zentralen Frage: Wie nahe sind wir einem neuerlichen Crash mittlerweile wieder gekommen? Und was wird ihn letztlich auslösen? Es ist gut möglich, dass die Japan-Krise der Auslöser sein wird. Der Prozess in Fukushima ist nicht gestoppt. (siehe: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/03/die-japanische-katastrophe-ausloser-fur.html).

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