Wenn Aktienkurse trotz steigender Gewinne fallen
Die Börsen-Illusion

Der renommierte Vermögensverwalter in Hongkong entspannt sich. Marc Faber hat den Musikantensender MTV eingeschaltet, der einen beruhigenden Einfluss auf ihn ausübt, wie er sagt.

FRANKFURT/M. Dann schaltet er um – es zieht es ihn zum Wirtschaftskanal CNBC. Dort breitet Elaine Gazarelli ihre Marktmeinung aus. Die ehemalige Staranalystin von Lehman Brothers in New York schwärmt vor laufender Kamera von guter Konjunktur und guter Entwicklung der Unternehmensgewinne. Ihr Resümee: Nach einer Aktienmarktkorrektur im Herbst werden die Kurse im kommenden Jahr kräftig steigen. Befragt nach ihren Favoriten, nennt sie Technologieaktien.

Anschließend berichtet der Fernsehsender über eine Befragung von Marktexperten. Die Fachleute sollten den wichtigsten treibenden Faktor für die Aktienkurse nennen. Ergebnis: Für 77 Prozent der Teilnehmer dieser Fragerunde sind es die Unternehmensgewinne. Der Vermögensverwalter und treffsichere Prognostiker fühlt sich „erleuchtet“, wie er ironisch anmerkt – und schaltet zurück auf den Musikkanal.

Als wenn Börse und ihre Zukunft so einfach zu erfassen wäre. Reich werden ohne Risiko, dass passt nicht zur Natur des Marktes. Amerikanische Analysten haben dazu Zahlenmaterial parat. In den Jahren 1973 und 2000 beispielsweise stiegen die Unternehmensgewinne in den Vereinigten Staaten um 28 bzw 25 Prozent, die Kurse sackten dagegen um 27 bzw. 16 Prozent ab. Tatsächlich, so beobachtet der besagte Vermögensverwalter, liefern die Börsen ihre beste Performance in Zeiten fallender oder gerade wieder steigender Gewinne ab.

Frau Gazarelli mag mit ihren wirtschaftlichen Prognosen Recht behalten. Daraus folgt aber nicht automatisch ein gutes Aktienklima. Das gleiche gilt für ihre Branchenempfehlung. Tatsächlich mussten High-Tech-Werte nach ihrem fulminanten Comeback im vergangenen Jahr in der jüngsten Zeit schon wieder Federn lassen. Der Fall Intel ist allen Anlegern noch in guter Erinnerung.

Die Wall-Street-Lady befindet sich übrigens in guter Gesellschaft. Breit angelegte Umfragen unter internationalen und europäischen Asset-Managern illustrieren die hoffnungsfrohen Erwartungen der Profis. Drei Viertel erwarten eine Steigerung der weltweiten Unternehmensgewinne von fünf Prozent oder mehr in den kommenden zwölf Monaten. Die Strategen sind recht hoch in Aktien investiert, trotz spürbar vorsichtiger Dispositionen. Auch die aktuelle Befragung des angesehenen amerikanischen Anlegermagazins „Barron’s“ spiegelt genau die damit verbundenen Hoffnungen wider.

Trotz der optimistischen Grundstimmung und scheinbar überzeugender Gewinnerwartungen (oft Vorboten einer Wende nach unten) haben die Anleger keinen Grund zu übertriebener Skepsis. Und sei es nur aus politischen Gründen: In Jahren von US-Präsidentschaftswahlen bot die Wall Street in der Regel eine ansprechende Performance.

Bären wie Gary Gordon könnten daher erst im nächsten Jahr Recht bekommen. Der US-Aktienstratege von UBS sieht die amerikanische Wirtschaft durch drei Spekulationsblasen gefährdet: die hohe Konsumentenverschuldung, die hohen Immobilienpreise und das enorme Handelsbilanzdefizit. Der gebürtige Schweizer Faber denkt ganz ähnlich. Ihm ist aber auch klar, dass mit dem Erkennen von Spekulationsblasen allein manchmal wenig gewonnen ist. Denn: Man weiß nie genau, wann diese Blasen platzen. Faber hatte beispielsweise schon etwa zur Mitte der zweiten Hälfte der neunziger Jahre einen Kollaps der Technologiewerte vorhergesagt, musste darauf aber bis zum Frühjahr 2000 warten.

Bis die derzeitigen Blasen platzen, könnte es also noch etwas dauern. Vorsicht scheint vor dem beschriebenen Hintergrund dennoch kein schlechter Ratgeber zu sein.

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