Wie in alten Zeiten: US-Börsen auf höchstem Stand seit dreieinhalb Jahren

Wie in alten Zeiten
US-Börsen auf höchstem Stand seit dreieinhalb Jahren

Am Freitag hatte die Wall Street endlich wieder was zu feiern. Im US-Börsenfernsehen CNBC überbrachte Starmoderatorin Maria Bartiromo mit vor Aufregung geröteten Wangen die frohe Kunde: "Die Märkte steuern auf ein Multi-Jahreshoch zu."

HB NEW YORK. Ein bedeutungsschwangerer Fanfarenstoß und die Schlagzeile "Breaking News" hämmerten den CNBC-Zuschauern alle paar Sekunden ein, dass hier etwas Wichtiges passierte. Parketthändler, Analysten, Fondsmanager - alle feierten euphorisch den Kursanstieg.

Zum Börsenschluss stand der Dow-Jones-Index der 30 führenden US-Aktien bei 10 940 Punkten, so hoch wie seit Juni 2001 nicht mehr. Der breiter gefasste S&P-500 kletterte auf 1 222 Zähler, der höchste Stand seit Juli 2001. Nur der technologielastige Nasdaq-Index hat seine alten Höhen noch nicht erreicht.

An Tagen wie Freitag entwickelt der Kursanstieg eine solche Sogwirkung, dass selbst hartnäckige Skeptiker verstummen und sich Hals über Kopf in den Aktienmarkt zu stürzen. Wer möchte schon den Börsenzug verpassen, der gerade wieder Fahrt aufzunehmen scheint? Das Ganze erinnert verdächtig an schlechte alte Zeiten. Am 7. März 2000 - genau vor fünf Jahren - erreichte der Deutsche Aktienindex sein Allzeithoch. Und auch viele US-Indizes erklommen ihren Gipfel.

Bewertungssignale nicht ignorieren

Damals prägte Euphorie die Finanzmärkte. Bewertungskennziffern, die eine Überhitzung der Aktienkurse anzeigten, galten als altmodisch.Heute wie damals redet kaum ein Analyst darüber, dass der Dow-Jones-Index ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 17,8 aufweist, gemessen an den Gewinnen des Jahres 2004. Das heißt, wer heute den Index kauft, muss - falls die Gewinne der Unternehmen konstant bleiben - fast 18 Jahre warten, bis er seinen Einsatz zurückverdient hat. Im historischen Vergleich ist der Dow damit hoch bewertet. Das gilt erst Recht für den Nasdaq-Index mit einem KGV von mehr als 40 und für den S&P-500 mit gut 20.

Kurzfristig orientierte Anleger brauchen sich um Bewertungskennziffern wie das KGV nicht zu kümmern. Denn was heute teuer ist, kann morgen noch teurer werden. Das zeigte der Internet-Börsenboom eindrucksvoll. Damals gab selbst US-Notenbankchef Alan Greenspan seine Kritik am "irrationalen Überschwang" der Märkte auf. Denn die Börsen kletterten jahrelang unbeirrt weiter, obwohl sie nach herkömmlichen Modellen längst reif für einen Absturz waren.

Wer jedoch langfristig sein Vermögen aufbauen will, der darf Bewertungssignale nicht ignorieren. Denn je höher das KGV, desto schlechter die langfristigen Kursaussichten. Eine zweite Kennziffer ist die Dividendenrendite. Sie zeigt an, wie hoch die Dividende im Vergleich zum Aktienkurs ausfällt. Die Aktien im Dow liefern derzeit eine durchschnittliche Dividendenrendite von 2,2 Prozent, am unteren Ende des historischen Schnitts. Die Hightech-Aktien im Nasdaq-Index liefern übrigens nur 1,2 Prozent Dividendenrendite. Das sollte Anleger misstrauisch machen. Denn ihr Gesamtertrag besteht aus Dividende plus Kursgewinn. Und bleibt das eine mickrig, kann nur die vage Hoffnung auf hohe Kursgewinne den Aktienkauf rechtfertigen.

Gesundes Misstrauen hilft

All diese trockenen Zahlen zeigen eine schlichte Tatsache, die in der Freude über das neue US-Kurshoch bislang untergeht: Je teurer man ein Gut - etwa Aktien - einkauft, desto weniger Wertsteigerung darf man erwarten. Doch der US-Starinvestor und Multimilliardär Warren Buffett bemerkte schon vor Jahren: "Im Gegensatz zu allen anderen Dingen wollen die Leute Aktien immer dann kaufen, wenn sie besonders teuer sind."

So gesehen sollten langfristig orientierte Anleger das Dreieinhalb-Jahreshoch an den US-Börsen eher bedauern, statt sich zu freuen. Zumindest sollten sie ein gesundes Misstrauen hegen gegenüber der Euphorie der Händler, die ihnen schon vor fünf Jahren zum Kauf rieten.

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