Wie steigende Verluste und ein hoher Kapitalbedarf die Aussichten verbessern können
ABB spielt jetzt eine Liga höher

Kapitalerhöhungen, eine neue Anleihe und mehr Kredite bringen eine Aktie normalerweise unter Druck. Investoren fürchten, dass die laufenden Umsätze offenbar nicht ausreichen, um Gewinne zu erwirtschaften. Diese Sorge ist beim Anlagenbauer ABB mehr als berechtigt. Dennoch vollzieht der Aktienkurs wahre Luftsprünge, seitdem der hoch verschuldete schwedisch- schweizerische Konzern seinen Geldhunger verkündet hat.

DÜSSELDORF. Verkehrte Welt? Zum Teil. Anleger atmen auf, weil die Pleite erst einmal abgewendet ist. Die Aussichten haben sich verbessert. Doch über den Berg ist ABB noch nicht.

Ein Kauf von ABB wird wieder zu einem Investment und ist keine Spekulation mehr“, kommentierte ein Händler den Finanzierungsplan, den Konzernchef Jürgen Dormann geschickt getimt zusammen mit katastrophalen Quartalszahlen präsentierte. 279 Mill. $ verbrannte ABB im dritten Quartal gegenüber 148 Mill. $ im Vorjahresquartal. Die Tendenz ist klar: Während die meisten Unternehmen in diesem Jahr aus der Verlust- in die Gewinnzone stoßen, sieht es bei ABB anders aus. Der Schuldenberg stieg auf 8,3 Mrd. $. Um seinen Finanzbedarf zu sichern – Gewinne wird es vorerst nicht geben –, will der Konzern das Aktienkapital um 2,5 Mrd. $ erhöhen, eine neue Anleihe von 750 Mill. $ ausgeben und mit den Banken einen neuen Kreditrahmen mit einer Laufzeit von drei Jahren vereinbaren.

Damit gewinnt ABB reichlich Zeit, seine Probleme in den Griff zu bekommen. Mehr noch: Der hochangeschlagene Konzern steigt mit dem geborgten Geld eine Liga höher: aus der Liga der Pleitekandidaten, die vielleicht schon in einigen Monaten weg vom Fenster sind oder aber mit viel Glück und Geschick den Turnaround schaffen könnten, in die Liga der Turnaround-Kandidaten mit echten Gewinnchancen und mindestens mittelfristigen Überlebensperspektiven. Ein solcher Aufstieg rechtfertigt höhere Kurse. Zumal ABB als Liganeuling obendrauf den Ritterschlag bekam: Die Ratingagentur Moody’s änderte den Ausblick von „negativ“ auf „positiv“. Mit Hilfe der jüngsten Finanzierungsinstrumente werde ABB über die nächsten Monate kommen, kommentierte Moody’s allerdings eher nüchtern.

Damit ist fast alles gesagt. Ein Kauf von ABB bleibt hochspekulativ und ist beileibe keine Investition zum „Liegenlassen“ à la Börsenaltmeister André Kostolany. Potenzielle Anleger müssen genauso intensiv wie früher beobachten, ob das seit 2002 laufende und zweifellos ehrgeizige Restrukturierungsprogramm samt Verkauf etlicher Geschäftsbereiche vorankommt, ob sich die Kerngeschäfte Energietechnik und Automation weiter verbessern und ob die jetzt auf 2004 verschobene Rückkehr in die Gewinnzone Realität wird. Nur dann ist Dormanns Zuversicht („Wir sehen nicht nur Licht am Ende des Tunnels, wir sind bereits am Ende des Tunnels angelangt“) berechtigt.

Wer sich lieber an die Realität hält, stellt indes verwundert oder gar erschrocken fest, dass sich der Aktienkurs im dritten und damit im selben Quartal verdoppelt hat, in dem sich auch der Verlust gegenüber dem Vorjahresquartal fast verdoppelte. Das ist zumindest bislang die eigentliche ABB-Erfolgsgeschichte.

Investoren, die auf solche Aktien lieber setzen als auf Papiere mit hoher Dividende und stetigem Gewinnwachstum, folgen dem Motto: Wer bereits Geld verdient und das auch in Zukunft von sich sagen kann, birgt keine Phantasie. Davon hat ABB mehr. Damit wiederholt sich Börsengeschichte schon nach drei Jahren.

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