Wirtschaftsregion des 21. Jahrhunderts
Die chinesische Lektion

Der Ferne Osten steht heute nicht mehr für die armen Reisbauern, sondern für Kapitalismus, Aufschwung, Innovationen - kurz: für die Wirtschaftsregion des 21. Jahrhunderts. Die Zukunft heißt Asien; das gilt für die Wirtschaft und die Börse gleichermaßen.

FRANKFURT. Es ist eine ganz besondere Zahl: die 11,9 Prozent. So stark wuchs die chinesische Wirtschaft im zweiten Quartal - das größte Plus seit Mitte der neunziger Jahre. Und ungefähr seit dieser Zeit wächst das Land mit kaum geringeren Jahresraten. Fachleute vermuten, dass China die Deutschen als Land mit der weltweit drittgrößten Wirtschaftsleistung bereits abgelöst hat.

Hier zu Lande wird diese Veränderung aber kaum wahrgenommen. Wer war schon in Hongkong, Schanghai oder etwa Shenzhen, hat vor Ort die atemberaubenden Skylines, die abendlichen Farbkaskaden an den illuminierten Hochhäusern, die vor Geschäftigkeit schier vibrierenden Frachthäfen beobachten können? Nur wenige. Der Ferne Osten steht heute nicht mehr für die armen Reisbauern, sondern für Kapitalismus, Aufschwung, Innovationen - kurz: für die Wirtschaftsregion des 21. Jahrhunderts.

Die Zukunft heißt Asien; das gilt für die Wirtschaft und die Börse gleichermaßen. Viele Deutsche verdrängen das. Sie sehen höchstens die stetig wachsende Gruppe von wohlhabenden Asiaten, die Europa bereisen, auf ihrer Tour Neu-Schwanstein bevölkern, die Beethoven-Stadt Bonn besuchen oder Bayreuther Klängen auf den jetzt gestarteten Wagner-Festspielen lauschen. Diese Asiaten sieht man. Andere sieht man nicht. Es sind neben den lernbesessenen Jugendlichen und Schülern Millionen gut ausgebildeter Fachleute, die - scheinbar unsichtbar - mit den Beschäftigten in der westlichen Welt um deren Arbeitsplätze konkurrieren.

Insbesondere die Deutschen geraten dabei ins Hintertreffen. Verkehrte Welt. Die ehemaligen Wirtschaftswunder-Kinder können mit dem volkswirtschaftlichen Wachstum der Ex-Kommunisten nicht mehr Schritt halten. Wenn die Deutschen doch wenigstens in ihrer Finanzplanung das kapitalistische Erfolgsrezept umsetzen würden. Aber Fehlanzeige. Seit Jahren vernachlässigen sie die Aktienanlage, verzichteten auf die Gewinne in einem außergewöhnlichen Bullenmarkt.

Mit kräftiger Unterstützung des Asien-Booms verdoppelten sich die europäischen Aktien in nur vier Jahren. Hätten die Deutschen allein ihre kurzfristig angelegten oder auf Konten lagernden Gelder von damals mindestens 1 000 Milliarden Euro in Aktien umgeschichtet, wären sie heute um eben diese Summe reicher. Stattdessen haben sie Aktien verkauft.

Der verpasste Gewinn ist kaum fassbar. Man kann sich eine Schlange von 14 Zentimeter langen 50-Euro-Scheinen vorstellen - insgesamt 2 800 000 Kilometer. Das Band ließe sich 70 Mal um den Äquator wickeln. Es würde sieben Mal für die Entfernung bis zum Mond reichen. So hat der "Verlust" eine wahrhaft astronomische Dimension. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kinder es besser machen als ihre Eltern. Sie müssen mit guter und oft teurer Ausbildung den ehrgeizigen Asiaten Paroli bieten. Und sie brauchen das Geld für die Altersvorsorge.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%