Yukos-Eigner füllen sich die Taschen
Gier ist geil

Auf Wladimir Putin ist Verlass. Wie der Doppeladler im russischen Staatswappen schaut der Kremlherr immer in zwei Richtungen. So auch im Fall Yukos, des schon jetzt größten russischen Ölkonzerns, der nach der bis Ende des Jahres geplanten Fusion mit dem bisherigen sibirischen Konkurrenten Sibneft zum weltweit viertgrößten Erdölförderer aufsteigen wird.

HB MOSKAU. Er sei für eine „schnelle Lösung“ im Yukos-Streit, in dem seit dem 2.Juli der Chef der Menatep- Gruppe, Platon Lebedew, in Untersuchungshaft sitzt, sagte Putin. Menatep hält gut 60% der Yukos-Anteile und Lebedew ist als Trust-Verwalter der zweitwichtigste Mann im Yukos-Imperium. Da es um Mord gehe, könne er sich aber nicht in die juristischen Ermittlungen einmischen. So bleibt Lebedew in Haft und Yukos unter Druck. Auch an eine Rücknahme der Privatisierung in Russland sei nicht gedacht, sagte Staatschef Putin vor dem Treffen mit seinem US-Amtskollegen George W. Bush.

Wer Putin kennt, erinnert sich: Schon als er den Moskauer Medien-Magnaten Wladimir Gussinskij mittels staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen entmachtete, sprach der Kreml-Herrscher vom „Streit von Wirtschafts-Subjekten“, in den er sich nicht einmischen dürfe. Das Ende ist bekannt: Gussinskij floh ins Exil, Russland ist eines Großteils der Pressefreiheit beraubt. Auch diesmal will sich der frühere KGB-Spion Putin um Verantwortung drücken, ausländischen Investoren die Mär der Stabilität und Sicherheit Russlands einreden und am Ende doch machen, was er will.

Doch ebenso janusköpfig wie der Präsident ist auch Yukos-Chef Michail Chodorkowskij: Ja, Gespräche über den Verkauf von 25 % der Yukos-Sibneft-Anteile an die US-Ölmultis Exxon Mobil und Chevron- Texaco gebe es, ließ der Moskowiter die Zuhörer auf dem gestrigen amerikanisch-russischen Energiedialog wissen. Nein, Yukos sei zu einem Verkauf nicht bereit, sagte der 40-Jährige dort aber auch.

Chodorkowskij, mit 8 Mrd. $ geschätztem Privatvermögen reichster Russe, und sein Yukos-Großaktionärskränzchen spielen offenbar auf Zeit: Sie hoffen, dass Lebedew frei kommt, die Kurse dann stark steigen und die Fusion mit Sibneft reibungslos über die Bühne geht. Für die Viertel-Beteiligung könnten sie dann deutlich mehr von den Amerikanern kassieren als die in Spekulationen genannten 11 Mrd. $.

Dass es den Yukos-Mehrheitseignern um sehr viel Geld geht zeigt der derzeit einzige Lichtblick, den die Yukos-Aktie bietet: Am Donnerstag will der Aufsichtsrat über eine Mega-Dividende entscheiden. Zwischen 1,5 und 2 Mrd. $ könnten als Zwischendividende nach neun Monaten ausgezahlt werden, schätzen Analysten. Mehr als doppelt soviel wie für das Gesamtjahr 2002. Hintergrund der Sonderausschüttung: Die Yukos-Größen wollen das in der Kasse befindliche Geld auszahlen, bevor die Sibneft-Aktionäre (nach der Fusion mit 26 % am neuen Konzern beteiligt) mit bedient werden müssen. Eine Geiz-ist-geil-Kampagne auf Russisch!

Doch die Hoffnung auf die Superdividende wird durch neue Horrorszenarien aus dem Kreml getrübt: Die Geheimdienstfraktion um Putin denkt in einem Strategiepapier öffentlich darüber nach, „die staatliche Kontrolle über die Schlüsselindustrien der russischen Wirtschaft wiederherzustellen: Öl, Gas, Metallurgie und Transport.“ Russlands größte Privatbank, die Alfa-Bank, hat daher Yukos-Titel auf „Verkaufen“ herabgestuft.

Zusätzlich, so die Analysten der Nikoil-Bank, wird derzeit der Yukos-Plan einer gewaltigen Pipeline von Russland nach China vom Kreml verzögert, was die Einnahmen des Moskauer Konzerns drücke. Nicht einmal die Beteiligung eines Auslandsinvestoren, der politischen Schutz vor Kreml-Nachstellungen bringen könnte, ist laut Alfa positiv für Yukos: Denn dann müssten die Umweltschutzkosten hoch und die Steuersparmodelle des Unternehmens klein gefahren werden. Geiz ist dann nicht mehr geil.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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