Zinsängste lassen spekulative Märkte austrocknen
Spielgeld wird teurer

In einem volkswirtschaftlichen Quiz hätten Anleger beim Begriff „Inflation“ wohl keine Probleme. Auch von „Deflation“ haben die meisten sicherlich schon gehört. Zumal die Weltwirtschaft ja gerade die Gefahren einer Preisspirale nach unten überwunden zu haben scheint. Seit geraumer Zeit schon geistert nun aber ein dritter Begriff durch Analystenreports: „Reflation“. Nach Webster’s Wörterbuch ist Reflation der Wiederaufbau ökonomischer Aktivitäten und die Anhebung der Konsumgüterpreise durch geldpolitische Aktivitäten. Sie hilft den Unternehmen, weil sie vom gnadenlosen Preisdruck erlöst werden, und beflügelt die Aktienkurse. Das billige Geld reizt aber auch zur Spekulation – auf alles, was in so einer Wiederbelebungsphase besonders gut läuft.

Das war in den vergangenen zwölf Monaten in den USA bestens zu beobachten. Notenbankchef Alan Greenspan hatte die Reflation eingeläutet, als er Ende 2002 ankündigte, er wolle so viel Liquidität wie nötig in die Volkswirtschaft pumpen, um die Gefahren einer Deflation zu bekämpfen, und die Zinsen auf das niedrigste Niveau seit 46 Jahren senkte. Das billige Geld veranlasste Anleger, mit allem zu spekulieren, was in frühen Erholungsphasen der weltgrößten Volkswirtschaft zuerst profitiert: Rohstoffe wie Nickel, Kupfer oder Platin, Wachstumswerte wie Technologietitel oder Nebenwerte, Schwellenländerbörsen oder auch Gold. Rohstoffe gehören zu den frühen Gewinnern, weil Konzerne wieder höhere Preise durchsetzen können, ihre Produktion steigern und damit auch mehr Material brauchen. Darüber hinaus nahmen Spekulanten das billige Geld gerne auf, um längerfristige festverzinsliche Titel zu kaufen und damit Zinsgewinne zu erzielen. Sie wetteten zudem auf steigende Fremdwährungen wie den Yen.

Entprechend sind die Kurse der typischen Gewinner nach oben geschnellt. Der Goldpreis hat sich seit April 2003 um ein Drittel erhöht und schützte Anleger vor dem Kursverfall des Dollars. Der MSCI Schwellenländerindex, der Sammelindex der Nasdaq und der US-Nebenwerteindex Russell 2000 haben in dieser Zeit allesamt um mehr als 70 % zugelegt. Der CRB Rohstoffindex gewann rund 25 %.

Jetzt aber kommt die Welt der „Reflation“ durcheinander. Ihre Günstlinge sind haben kräftig Federn gelassen, seit sich die erste Zinserhöhung der US-Notenbank mit Macht ankündigt. Der technologielastige Sammelindex der Nasdaq ist innerhalb eines Monats um 7 % abgesackt. Der MSCI Schwellenländerindex hat seit dem 12. April 10 % verloren und Gold ist seit dem 1. April um mehr als 8 % eingebrochen. Auch Festverzinsliche mit längeren Laufzeiten mussten massive Kursverluste hinnehmen.

Mutige Anleger könnten die Turbulenzen für den billigen Einstieg bei Festverzinslichen nutzen. Deutsche Staatspapiere mit längeren Laufzeiten etwa rentieren nach den jüngsten Kursverlusten mit deutlich über 4 %, in den USA sogar mit 4,5 %. Das sei auch im langfristigen Durchschnitt nicht schlecht, argumentiert das Strategenteam von Dresdner Kleinwort Wasserstein. Bei Aktien sollten Anleger aus den typischen Reflations-Gewinnern aussteigen. Mit Technologie-Aktien, Nebenwerten, Schwellenländerwerten oder Anlagen wie Rohstoffe und Gold dürfte kaum noch schnelles Geld zu machen sein. Ratsam ist alles, was auch in Phasen steigender Zinsen gut läuft. Dazu gehören Pharmawerte und Hersteller von Konsumgütern des täglichen Bedarfs wie Beiersdorf, Stada oder Merck. In den USA empfiehlt Merrill Lynch Altria, Procter & Gamble oder Johnson & Johnson. Auch Energiewerte wie Exxon sind die Gewinner in solchen Phasen. Hier überwiegen die Effekte des steigenden Bedarfs in einem Wachstumsumfeld.

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